Gedichte

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07 Aug 2018 08:05 - 07 Aug 2018 08:06 #18702 von Kaninchen


Was ist der Liebe Paradies ?

Ein bißchen bitter, ein bißchen süß,
Ein bißchen Lust, ein bißchen Leid,
Ein bißchen Fried', ein bißchen Streit,
Ein bißchen bejaht, ein bißchen verneint,
Ein bißchen gelacht, ein bißchen geweint,
Ein bißchen Hitz', ein bißchen Frost,
Ein bißchen Wermut, ein bißchen Most,
Ein bißchen Zank, ein bißchen Ruh',
Ein bißchen Sie, ein bißchen Du,
Ein bißchen jen's, ein bißchen dies,
Ein bißchen bitter, ein bißchen süß,

Das ist der Liebe Paradies!



Moritz Gottlieb Saphir (1795 - 1858), eigentlich Moses Saphir, österreichischer Satiriker, Journalist und Kritiker



Letzte Änderung: 07 Aug 2018 08:06 von Kaninchen.

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12 Aug 2018 07:42 - 12 Aug 2018 07:43 #18748 von Kaninchen



Die Sternschnuppe


Wißt ihr, was es bedeutet,
Wenn von dem Himmelszelt
Ein Stern hernieder gleitet
Und schnell zur Erde fällt?

Die Lichter, die dort glänzen
Mit wundermildem Schein,
Das sind in Strahlenkränzen
Viel tausend Engelein.

Die sind als treue Wachten
Am Himmel aufgestellt,
Daß sie auf alles achten.
Was vorgeht in der Welt.

Wenn unten auf der Erde
Ein guter Mensch, gedrückt
Von Kummer und Beschwerde,
Voll Andacht aufwärts blickt,

Und sich zum Vater wendet
In seinem tiefen Weh,
Dann wird herabgesendet
Ein Engel aus der Höh',

Der schwebt in seine Kammer
Mit mildem Friedensschein
Und wieget seinen Jammer
In sanften Schlummer ein.

Das ist's, was es bedeutet,
Wenn von dem Himmelszelt
Ein Stern herniedergleitet
Und schnell zur Erde fällt.

Friedrich von Sallet

Letzte Änderung: 12 Aug 2018 07:43 von Kaninchen.

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13 Aug 2018 07:57 #18761 von Kaninchen



Gewitter

von Hermann Löns

Großmutter Natur im Lehnstuhl sitzt -
wie langeweilig ist es heute,
sie gähnt, ganz unerträglich sind sie heute,
die sonst so lustigen Leute:
Die Bäume brummen so geistlos und fad,
die Bächlein schwatzen so weise,
der Wind ist erkältet und stark verschnupft -
die Großmutter lächelt leise.

Das Lächeln flackert als rotes Licht
am Himmelsrande empor -
dem Winde fällt etwas Lustiges ein,
er sagt es den Bäumen ins Ohr,
die Bäume nicken verständnisvoll,
erzählen dem Bächlein es weiter,
das Bächlein prustet laut lachend los -
die Großmama wird jetzt heiter.

Großmutter ein uraltes Witzchen erzählt -
ein Blitzschlag fährt herunter!
Großmütterchen kichert - der Donner rollt!
Die Tafelrunde wird munter -
es toasten die Bäume, der Bach wird berauscht,
der Wind ist vollkommen bezecht,
Großmütterchen witzelt und kichert wie toll -
so ist ihr die Tischstimmung recht.

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14 Aug 2018 08:26 #18773 von Kaninchen
Regen

Der Himmel hält grosse Wäsche heut
Und säubert die staubige Erde,
Damit so glänzend und rein ihr Gewand
Wie am ersten Maitage werde.

Das donnert und blitzt und prasselt und klatscht
Hernieder auf Zweige und Blätter,
Der durstige Rasen trinkt sich satt
Nach langem, trockenem Wetter.

Ich wollt, von dem kühlend erfrischenden Guss
Würd' auch mein Herz getroffen,
Hinweggespült wie der Staub vom Gras
Würd' Glaube, Liebe und Hoffen.

Eine weisse Rose vor mir steht,
Geöffnet ist das Fenster –
Hinaus damit, verschwindet jetzt
Ihr sentimentalen Gespenster.

Das Stück von »Du und Ich« ist aus,
Der Vorhang wird geschlossen,
Die Lebenszeit zu kostbar ist
Für solche Narrenspossen.

Klar muss der Geist und nüchtern sein
Im frischen Arbeitsgetriebe –
Du uraltschöne Allnatur,
Du bleibst meine letzte Liebe!





Hermann Löns
1866-1914
deutscher Journalist und Schriftsteller





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15 Aug 2018 08:34 #18788 von Kaninchen


Der Walnussbaum


Mathilde von Bayern

Ich war ein Kind. Und mein Gespiele,
der jede Freude, jeden Traum
und jeden Kummer mit mir teilte —
das war ein alter Walnußbaum.

Fiel mir ein Zittern in die Seele,
ein Bangen vor der Einsamkeit,
so lief ich flink zu meinem Freunde
und klagte ihm mein kleines Leid;

Und schlang um seinen Stamm die Arme
und duckte scheu mich wie ein Dieb,
sah zu ihm auf in heißen Tränen
und fragte leis: "Hast du mich lieb?"

Und wenn er schwieg, so sann ich lächelnd:
„Es gibt doch auch ein stummes Ja?"
Und meine Seele war getröstet,
und Freude war mir wieder nah.



Mathilde Marie Theresia Henriette Christine Luitpolda Prinzessin von Bayern war eine bayerische Prinzessin. Sie war das sechste Kind von Ludwig III. und dessen Ehefrau Maria Theresia von Modena.

Geboren: 17. Aug 1877 · Lindau (Bodensee), Deutschland
Gestorben: 6. Aug 1906 · Davos, Schweiz

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16 Aug 2018 08:41 - 16 Aug 2018 08:42 #18801 von Kaninchen
Sommernacht


- Gottfried Keller
1819-1890, schweizer Dichter;

aus Buch der Natur -



Es wallt das Korn weit in die Runde,
Und wie ein Meer dehnt es sich aus;
Doch liegt auf seinem stillen Grunde
Nicht Seegewürm noch andrer Graus:
Da träumen Blumen nur von Kränzen
Und trinken der Gestirne Schein.
O goldnes Meer, dein friedlich Glänzen
Saugt meine Seele gierig ein!

In meiner Heimat grünen Talen,
Da herrscht ein alter schöner Brauch;
Wann hell die Sommersterne strahlen,
Der Glühwurm schimmert durch den Strauch:
Dann geht ein Flüstern und ein Winken,
Das sich dem Ährenfelde naht,
Da geht ein nächtlich Silberblinken
Von Sicheln durch die goldne Saat.

Das sind die Bursche, jung und wacker,
Die sammeln sich im Feld zuhauf
Und suchen den gereiften Acker
Der Witwe oder Waise auf,
Die keines Vaters, keiner Brüder
Und keines Knechtes Hilfe weiß –
Ihr schneiden sie den Segen nieder,
Die reinste Lust ziert ihren Fleiß.

Schon sind die Garben fest gebunden
Und schön in einen Kranz gebracht;
Wie lieblich flohn die stillen Stunden,
Es war ein Spiel in kühler Nacht!
Nun wird geschwärmt und hell gesungen
Im Garbenkreis, bis Morgenduft
Die nimmermüden, braunen Jungen
Zur eignen schweren Arbeit ruft.





Letzte Änderung: 16 Aug 2018 08:42 von Kaninchen.

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