Gedichte

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06 Okt 2019 08:53 #24916 von Kaninchen


Storm, Theodor


Herbst

Schon ins Land der Pyramiden
Flohn die Störche übers Meer;
Schwalbenflug ist längst geschieden,
Auch die Lerche singt nicht mehr.

Seufzend in geheimer Klage
Streift der Wind das letzte Grün;
Und die süßen Sommertage,
Ach, sie sind dahin, dahin!

Nebel hat den Wald verschlungen,
Der dein stillstes Glück gesehn;
Ganz in Duft und Dämmerungen
Will die schöne Welt vergehn.

Nur noch einmal bricht die Sonne
Unaufhaltsam durch den Duft,
Und ein Strahl der alten Wonne
Rieselt über Tal und Kluft.

Und es leuchten Wald und Heide,
Daß man sicher glauben mag,
Hinter allem Winterleide
Lieg' ein ferner Frühlingstag.

Die Sense rauscht, die Ähre fällt,
Die Tiere räumen scheu das Feld,
Der Mensch begehrt die ganze Welt.

Und sind die Blumen abgeblüht,
So brecht der Äpfel goldne Bälle;
Hin ist die Zeit der Schwärmerei,
So schätzt nun endlich das Reelle!




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07 Okt 2019 08:13 #24931 von Kaninchen
Kleines Volk

von Heinrich Heine

In einem Pisspott kam er geschwommen,
Hochzeitlich geputzt, hinab den Rhein.
Und als er nach Rotterdam gekommen,
Da sprach er: "Juffräuken, willst du mich frein?
Ich führe dich, geliebte Schöne
Nach meinem Schloss, ins Brautgemach;
Die Wände sind eitel Hobelspäne, aus Häckerling besteht das Dach.
Da ist es so puppenniedlich und nette, da lebst du wie eine Königin!
Die Schale der Walnuss ist unser Bette, von Spinnweb sind die Laken drin.
Ameiseneier, gebraten in Butter, essen wir täglich, auch Würmchengemüs'

Und später erb ich von meiner Frau Mutter
Drei Nonnenfürzchen, die schmecken so süß.
Ich habe Speck, ich habe Schwarten, ich habe Fingerhüte voll Wein,
Auch wächst eine Rübe in meinem Garten, Du wirst wahrhaftig glücklich sein!"
Das war ein Locken und ein Werben! Wohl seufzte die Braut: "Ach Gott! ach Gott!"
Sie war wehmütig, wie zum Sterben -
Doch endlich stieg sie hinab in den Pott.

Sind Christenleute oder Mäuse Die Helden des Lieds? Ich weiß es nicht mehr.
Im Beverland hört ich die schnurrige Weise, Es sind nun dreißig Jahre her.

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08 Okt 2019 07:22 - 08 Okt 2019 07:23 #24946 von Kaninchen


Pilze sammeln

Ein Gedicht von Ulrich Lang

Kommt der Herst und es wird feucht
emsig durch den Wald man schleicht
um dort, wo sonst Hirsche rammeln
kleine Pilze einzusammeln

Mit dem Messer kriecht man rum
schneidet alles ab rundum
was beim Baum im Boden steckt
und ein großes Hütchen trägt

Keiner von uns kennt sich aus
doch wir können ja zu Haus
dann am Ende recherchieren
welche man kann konsumieren

Denn im Internet mit Bild
sieht man Pilze, die hier wild
wachsen zwischen all den Buchen
also, lasst uns weiter suchen

Eifrig sammeln wir jetzt ein
all die Pilze groß und klein
Schleimkopf, Stachelbart und Morchel
Gürtelfuß und Krause Lorchel

Röhrling, Rötling, Krempling, Täubling
Rübling, Seitling, Zärtling, Stäubling
Fliegenpilz und Halimasch
einen Champignon noch rasch

Was wir haben da entdeckt
kam im Korb nach Haus direkt
und was davon nicht geheuer
warfen wir sofort ins Feuer

Angemackte ab wir schrieben
und am Ende übrig blieben
drei verhärmte Pfifferlinge
trotzdem war´n wir guter Dinge

Legten sonntags alle drei
dem gemischten Braten bei
und wir haben wohlgemut
überlebt den Soßen-Sud

Nächstes Jahr wir´s wieder wagen
doch, um nicht so viel zu tragen
nehmen wir ins Pilzgebiet
einfach unsern Laptop mit

Bild mit freundlicher Genehmigung makrotoni
Letzte Änderung: 08 Okt 2019 07:23 von Kaninchen.

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10 Okt 2019 07:37 #24976 von Kaninchen


Der Raben Wehgeschrei


Was weckt den Wehschrei? was verdross
Euch Raben? hab‘ ich es gefunden?
Gefällt, ein wahrer Waldkoloss,
Liegt hier ein Eichbaum, abgeschunden,
Sein Riesenastwerk ohne Rinde,
Entsetzlich mir, dem Menschenkinde;
Was Wunder, dass der Schrecken packt
Des Waldes wanderfrohe Raben,
Sehn sie den Alten tot und nackt,
Bei dem sie oft geherbergt haben!

Karl Mayer, 1835

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11 Okt 2019 07:30 - 11 Okt 2019 07:32 #24987 von Kaninchen


Der Kastanienbaum


Dort unter dem Kastanienbaum
War's einst so wonnig mir,
Der ersten Liebe schönsten Traum
Verträumt ich dort mit ihr.

Dort unter dem Kastanienbaum
Ist's jetzt so traurig mir.
Dort gab ich meinen Schmerzen Raum,
Seit Vanda schied von hier.

Und doch ist's gar ein lieber Ort,
Erinnrung heiligt ihn.
Es ist kein Zweig, kein Blütchen dort,
Dem sie nicht Reiz verliehn.

Das Windesspiel in dunkler Krone,
Ihr melancholisch Rauschen
Gleicht ihrem bangen Abschieds-Tone
Und zwingt mich, ihm zu lauschen.

Die weiße Blume? war sie nicht
Selbst eine weiße Blüte?
Strahlt Unschuld nicht ihr Angesicht,
Nicht Reinheit, Seelengüte?

Mit zartem Purpurnetz durchstickt
Seh ich die Blume prangen
Und denke, wenigstens entzückt.
An ihre Rosenwangen.

Bald werd ich eine Frucht erschaun
Und sehe dann fürwahr.
Es war ja auch kastanienbraun,
Ihr schöngelocktes Haar.

Nur eines fehlt, des Auges Blau,
Des Liebchens größte Zier,
Das trägt der Baum mir nicht zur Schau,
Das zeigt er niemals mir.

Doch wenn der Frühling wiederkehrt.
Belebt die weite Au,
Da, hoff ich, ist der Baum bekehrt
Und blüht halb weiß, halb - blau.


Theodor Fontane
Letzte Änderung: 11 Okt 2019 07:32 von Kaninchen.

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12 Okt 2019 07:39 #25001 von Kaninchen


Schäferlied


Hier auf dieser braunen Heide,
Wenn ich meine Schafe weide
Ganz mutterseelenallein allein,
Mein Schatz, dann denk ich dein.

Wenn die Lerche lustig singet,
Sich hinauf zum Himmel schwinget,
Ganz mutterseelenallein allein,
Mein Schatz, dann denk ich dein.

Wenn der Tauber ruft sein Weibchen,
Sein geliebtes Turteltäubchen,
Ganz mutterseelenallein allein,
Mein Schatz, dann denk ich dein.

Wenn die Sonne geht hernieder,
Wenn sie morgens kehret wieder,
Ganz mutterseelenallein allein,
Mein Schatz, dann denk ich dein.

Hermann Löns

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