Gedichte
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30 Okt 2019 07:50 #25275
von Kaninchen
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31 Okt 2019 07:53 #25292
von Kaninchen
Storm, Theodor
Walpurgisnacht
Am Kreuzweg weint die verlassene Maid,
Sie weint um verlassene Liebe.
Die klagt den fliegenden Wolken ihr Leid,
Ruft Himmel und Hölle zu Hülfe.-
Da stürmt es heran durch die finstere Nacht,
Die Eiche zittert, die Fichte kracht,
Es flattern so krächzend die Raben.
Am Kreuzweg feiert der Böse sein Fest,
Mit Sang und Klang und Reigen:
Die Eule rafft sich vom heimlichen Nest
Und lädt viel luftige Gäste.
Die stürzen sich jach durch die Lüfte heran,
Geschmückt mit Distel und Drachenzahn,
Und grüßen den harrenden Meister.
Und über die Heide weit und breit
Erschallt es im wilden Getümmel.
"Wer bist du, du schöne, du lustige Maid?
Juchheisa, Walpurgis ist kommen!
Was zauderst du, Hexchen, komm, springe mit ein,
Sollst heute des Meisters Liebste sein,
Du schöne, du lustige Dirne!"
Der Nachtwind peitscht die tolle Schar
Im Kreis um die weinende Dirne,
Da packt sie der Meister am goldenen Haar
Und schwingt sie im sausenden Reigen,
Und wie im Zwielicht der Auerhahn schreit,
Da hat der Teufel die Dirne gefreit
Und hat sie nimmer gelassen.
Storm, Theodor
Walpurgisnacht
Am Kreuzweg weint die verlassene Maid,
Sie weint um verlassene Liebe.
Die klagt den fliegenden Wolken ihr Leid,
Ruft Himmel und Hölle zu Hülfe.-
Da stürmt es heran durch die finstere Nacht,
Die Eiche zittert, die Fichte kracht,
Es flattern so krächzend die Raben.
Am Kreuzweg feiert der Böse sein Fest,
Mit Sang und Klang und Reigen:
Die Eule rafft sich vom heimlichen Nest
Und lädt viel luftige Gäste.
Die stürzen sich jach durch die Lüfte heran,
Geschmückt mit Distel und Drachenzahn,
Und grüßen den harrenden Meister.
Und über die Heide weit und breit
Erschallt es im wilden Getümmel.
"Wer bist du, du schöne, du lustige Maid?
Juchheisa, Walpurgis ist kommen!
Was zauderst du, Hexchen, komm, springe mit ein,
Sollst heute des Meisters Liebste sein,
Du schöne, du lustige Dirne!"
Der Nachtwind peitscht die tolle Schar
Im Kreis um die weinende Dirne,
Da packt sie der Meister am goldenen Haar
Und schwingt sie im sausenden Reigen,
Und wie im Zwielicht der Auerhahn schreit,
Da hat der Teufel die Dirne gefreit
Und hat sie nimmer gelassen.
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01 Nov 2019 08:31 #25304
von Kaninchen
Die beiden Engel
von Emanuel Geibel
O kennst du, Herz, die beiden Schwesterengel, Herabgestiegen aus dem Himmelreich:
Stillsegnend Freundschaft mit dem Lilienstengel, Entzündend Liebe mit dem Rosenzweig?
Schwarzlockig ist die Liebe, feurig glühend, Schön wie der Lenz, der hastig sprossen will;
Die Freundschaft blond, in sanftern Farben blühend, Und wie die Sommernacht so mild und still;
Die Lieb' ein brausend Meer, wo im Gewimmel Vieltausendfältig Wog' an Woge schlägt;
Freundschaft ein tiefer Bergsee, der den Himmel Klar widerspiegelnd in den Fluten trägt.
Die Liebe bricht herein wie Wetterblitzen, Die Freundschaft kommt wie dämmernd Mondenlicht;
Die Liebe will erwerben und besitzen, Die Freundschaft opfert, doch sie fordert nicht.
Doch dreimal selig, dreimal hoch zu preisen Das Herz, wo beide freundlich eingekehrt,
Und wo die Glut der Rose nicht dem leisen, Geheimnisvollen Blühn der Lilie wehrt!
von Emanuel Geibel
O kennst du, Herz, die beiden Schwesterengel, Herabgestiegen aus dem Himmelreich:
Stillsegnend Freundschaft mit dem Lilienstengel, Entzündend Liebe mit dem Rosenzweig?
Schwarzlockig ist die Liebe, feurig glühend, Schön wie der Lenz, der hastig sprossen will;
Die Freundschaft blond, in sanftern Farben blühend, Und wie die Sommernacht so mild und still;
Die Lieb' ein brausend Meer, wo im Gewimmel Vieltausendfältig Wog' an Woge schlägt;
Freundschaft ein tiefer Bergsee, der den Himmel Klar widerspiegelnd in den Fluten trägt.
Die Liebe bricht herein wie Wetterblitzen, Die Freundschaft kommt wie dämmernd Mondenlicht;
Die Liebe will erwerben und besitzen, Die Freundschaft opfert, doch sie fordert nicht.
Doch dreimal selig, dreimal hoch zu preisen Das Herz, wo beide freundlich eingekehrt,
Und wo die Glut der Rose nicht dem leisen, Geheimnisvollen Blühn der Lilie wehrt!
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02 Nov 2019 07:41 - 02 Nov 2019 09:22 #25325
von Kaninchen
Laß deiner Lippe nicht zu schnell entfliehen
Das rasche, unbedachte Richterwort!
Dir ist der Blick ins Innre nicht verliehen,
Nur äußrer Schein reißt dich zum Tadel fort.
Ein scharfes Wort, es ist so leicht gesprochen
Und hat so oft ein Menschenherz gebrochen.
Sophie Dethleffs
(1809 - 1864)
deutsche Mundart-Dichterin (Plattdütsch)
Das rasche, unbedachte Richterwort!
Dir ist der Blick ins Innre nicht verliehen,
Nur äußrer Schein reißt dich zum Tadel fort.
Ein scharfes Wort, es ist so leicht gesprochen
Und hat so oft ein Menschenherz gebrochen.
Sophie Dethleffs
(1809 - 1864)
deutsche Mundart-Dichterin (Plattdütsch)
Letzte Änderung: 02 Nov 2019 09:22 von Feschtbrueder. Grund: Formatierung
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03 Nov 2019 07:42 #25335
von Kaninchen
Fuchs und Igel
Ganz unverhofft an einem Hügel
sind sich begegnet Fuchs und Igel.
»Halt!« rief der Fuchs, »du Bösewicht,
kennst du des Königs Order nicht?
Ist nicht der Friede längst verkündigt,
und weißt du nicht, daß jeder sündigt,
der immer noch gerüstet geht?
Im Namen Seiner Majestät -
geh her und übergib dein Fell!«
Der Igel sprach: »Nur nicht so schnell!
Laß dir erst deine Zähne brechen;
dann wollen wir uns weiter sprechen.«
Und alsogleich macht er sich rund,
schließt seinen dichten Stachelbund
und trotzt getrost der ganzen Welt,
bewaffnet, doch als Friedensheld.
Wilhelm Busch
Fuchs und Igel
Ganz unverhofft an einem Hügel
sind sich begegnet Fuchs und Igel.
»Halt!« rief der Fuchs, »du Bösewicht,
kennst du des Königs Order nicht?
Ist nicht der Friede längst verkündigt,
und weißt du nicht, daß jeder sündigt,
der immer noch gerüstet geht?
Im Namen Seiner Majestät -
geh her und übergib dein Fell!«
Der Igel sprach: »Nur nicht so schnell!
Laß dir erst deine Zähne brechen;
dann wollen wir uns weiter sprechen.«
Und alsogleich macht er sich rund,
schließt seinen dichten Stachelbund
und trotzt getrost der ganzen Welt,
bewaffnet, doch als Friedensheld.
Wilhelm Busch
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04 Nov 2019 07:32 #25354
von Kaninchen
Auf ein Ei geschrieben
von Eduard Mörike
Ostern ist zwar schon vorbei, Also dies kein Osterei;
Doch wer sagt, es sei kein Segen, Wenn im Mai die Hasen legen?
Aus der Pfanne, aus dem Schmalz Schmeckt ein Eilein jedenfalls,
Und kurzum, mich tät's gaudieren, Dir dies Ei zu präsentieren,
Und zugleich tät es mich kitzeln, Dir ein Rätsel drauf zu kritzeln.
Die Sophisten und die Pfaffen Stritten sich mit viel Geschrei:
Was hat Gott zuerst erschaffen, Wohl die Henne? wohl das Ei?
Wäre das so schwer zu lösen? Erstlich ward ein Ei erdacht:
Doch weil noch kein Huhn gewesen, Schatz, so hat's der Has´ gebracht.
von Eduard Mörike
Ostern ist zwar schon vorbei, Also dies kein Osterei;
Doch wer sagt, es sei kein Segen, Wenn im Mai die Hasen legen?
Aus der Pfanne, aus dem Schmalz Schmeckt ein Eilein jedenfalls,
Und kurzum, mich tät's gaudieren, Dir dies Ei zu präsentieren,
Und zugleich tät es mich kitzeln, Dir ein Rätsel drauf zu kritzeln.
Die Sophisten und die Pfaffen Stritten sich mit viel Geschrei:
Was hat Gott zuerst erschaffen, Wohl die Henne? wohl das Ei?
Wäre das so schwer zu lösen? Erstlich ward ein Ei erdacht:
Doch weil noch kein Huhn gewesen, Schatz, so hat's der Has´ gebracht.
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