Gedichte

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05 Nov 2019 07:34 #25363 von Kaninchen


Regenwetter

Meinen Mantel umgeschlagen
Schweif' ich einsam durch die Straßen.
Nebelgraues Regenwetter –
Grau der Himmel – grau die Gassen.

Nebelgraues Regenwetter –
Doch an Blumenfenstern lauschen
Lächelnd rosig schöne Mädchen,
Möchten nicht mit mir dort tauschen.

Und sie lächeln, und sie sprechen:
"Jener hat wohl einen Sparren,
Der im Regen dort umherläuft –
Seht den langen blassen Narren!" –

Ei was kümmert mich der Regen!
Der ist minder mir beschwerlich,
Als das Blitzen eurer Augen –
Dieses wird mir sehr gefährlich.

Denn von eurer Augen Gluthen
Brennt mein Herz, das ohne Schutz ist,
Während gegen Regenfluthen
Mir mein Regenmantel nutz ist.

Heinrich Seidel

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06 Nov 2019 07:30 - 06 Nov 2019 07:31 #25378 von Kaninchen


Die blaue Blume

Ich suche die blaue Blume,
Ich suche und finde sie nie,
Mir träumt, dass in der Blume
Mein gutes Glück mir blüh.

Ich wandre mit meiner Harfe
Durch Länder, Städt und Au'n,
Ob nirgends in der Runde
Die blaue Blume zu schaun.

Ich wandre schon seit lange,
Hab lang gehofft, vertraut,
Doch ach, noch nirgends hab ich
Die blaue Blum geschaut.

Joseph von Eichendorff
(1818)
Letzte Änderung: 06 Nov 2019 07:31 von Kaninchen.

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07 Nov 2019 07:43 #25391 von Kaninchen


Nicht artig

Man ist ja von Natur kein Engel,
vielmehr ein Welt- und Menschenkind,
und ringsumher ist ein Gedrängel
von solchen, die dasselbe sind.

In diesem Reich geborner Flegel,
Wer könnte sich des Lebens freun,
Würd' es versäumt, schon früh die Regel
Der Rücksicht kräftig einzubläun.

Es saust der Stock, es schwirrt die Rute.
Du darfst nicht zeigen, was du bist.
Wie schad, o Mensch, daß dir das Gute
Im Grunde so zuwider ist!

Wilhelm Busch

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08 Nov 2019 07:26 #25410 von Kaninchen

Die Herbstzeitlose

Einst brachte unser'n Planeten
Die Eiszeit in grosse Not,
Es ging alles Leben flöten,
Jahrtausende lang blieb's tot.

Dann sandte der Herr den Frühling
Erbarmungsvoll hinab,
Er sollte das Leben wecken
Aus tausendjährigem Grab.

Der schlug mit Himmelskräften
Die Gletscher auf das Haupt
Und machte grün die Gebirge
Und alles neu belaubt.

Er schlug mit dem Stab die Erde
Und hiess die Blumen erstehn,
Die vor der Eiszeit waren,
Dieweilen er zählte zehn.

Da kamen sie aufgeschossen
Viel Hunderte an der Zahl
Und wuchsen zu Millionen
In Au und Wald und Tal.

Und nochmals schlug er die Erde
Und mahnend war sein Ruf:
"Es fehlt noch eine von allen,
Die Gott, der Herr, erschuf!"

Da kam ein verdriesslich Murren
Aus tiefem Wiesengrund
Und dann ein spöttisches Lachen
Von elfenzartem Mund:

"Ich folge dir nicht, Herr Frühling,
Zu lange harrt' ich auf dich,
Die ganze schreckliche Eiszeit.
Jetzt warte du auf mich!"

Wohl schwang der Frühling sich klagend
Zu Gottes Thron empor,
Wohl schalt auch dieser die Blume,
Doch bleib sie taub wie zuvor.

Sie schloss in die dunkle Kammer
Der Erde sich trotzig ein,
Obwohl ihr Herzchen verlangte
Nach Licht und Sonnenschein.

Doch endlich nach vielen Monden, -
Sie hielt es nicht länger aus, -
Streckte sie neubegierig
Ihr kleines Köpfchen heraus.

"Was wohl der Frühling machet,
Und ob er noch schaut nach mir?- "
Da war er über die Berge
Mit aller Blumenzier.

Die Welt war kalt und neblig,
Es wehte ein rauher Wind,
Der sang gar traurige Lieder
Dem frierenden Elfenkind.

Von Frühlings zärtlicher Liebe,
Von Frühlings Sehnsucht und Leid,
Und von der Liebe Ende
Und der Blume Verächtlichkeit.

Er sang von dem zornigen Schwure,
Den jener Hehre getan:
"Nie mehr will ich sie sehen!
Sie blühe im Herbst fortan."

Da weinte sie bittre Tränen,
Ach Tränen ohne Trost,
Eisperlen auf die Wiese
Und starb in Schnee und Frost.

Wer kennt nicht die zarte Jungfer
Im Lilatrauergewand,
Die seitdem frierend blühet
Auf herbstlich verödetem Land!

Emerenz Meier 1874-1928
deutsche Schriftstellerin

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09 Nov 2019 08:15 #25428 von Kaninchen
Wo soll man Freundschaft finden?

von Friedrich von Hagedorn

Wo soll man echte Freundschaft finden?
Das Lockwort klingt doch gar zu fein,
Und kann, die Herzen zu verbinden,
Der Anlass schönster Hoffnung sein.

Man pflegt den milden Stein der Weisen
Uns, als ein Wunder, anzupreisen.
Man lehrt, er mache mehr als reich:
Fürwahr, ihm ist die Freundschaft gleich

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10 Nov 2019 06:52 #25433 von Feschtbrueder
Abschied

Ach, wie eilte so geschwinde
Dieser Sommer durch die Welt.
Herbstlich rauscht es in der Linde,
Ihre Blätter mit dem Winde
Wehen übers Stoppelfeld.

Hörst du in den Lüften klingend
Sehnlich klagend das Kuru?
Wandervögel, flügelschwingend,
Lebewohl der Heimat singend,
Ziehn dem fremden Lande zu.

Morgen muss ich in die Ferne.
Liebes Mädchen, bleib mir gut.
Morgen lebt in der Kaserne,
Dass er exerzieren lerne,
Dein dich liebender Rekrut.

Wilhelm Busch

:-) Humor ist, wenn man trotzdem lacht! Lachen ist die beste Medizin!

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