Gedichte
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14 Aug 2021 07:42 #37369
von Kaninchen
Die Wehmut
Ich hab' einen Haß, einen grimmigen Haß
Und weiß doch selbst nicht recht auf was.
Ich bin so elend, so träge und faul
Wie 'n abgeschundner Ackergaul.
Ich hab' einen bösen Zug im Gesicht.
Mir ist niemand Freund, ich will es auch nicht.
Ich hab' eine Wut auf die ganze Welt.
In der mir nicht mal mehr das Laster gefällt.
Und schimpfe und fluche, ich oller Tor
Und komme mir sehr dämonisch vor.
Alfred Lichtenstein (1889 - 1914), frühexpressionistischer Lyriker und Erzähler
Ich hab' einen Haß, einen grimmigen Haß
Und weiß doch selbst nicht recht auf was.
Ich bin so elend, so träge und faul
Wie 'n abgeschundner Ackergaul.
Ich hab' einen bösen Zug im Gesicht.
Mir ist niemand Freund, ich will es auch nicht.
Ich hab' eine Wut auf die ganze Welt.
In der mir nicht mal mehr das Laster gefällt.
Und schimpfe und fluche, ich oller Tor
Und komme mir sehr dämonisch vor.
Alfred Lichtenstein (1889 - 1914), frühexpressionistischer Lyriker und Erzähler
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15 Aug 2021 07:59 #37390
von Kaninchen
Der bekehrte Dieb
Gar klein war die Christel,
Gar groß meine Lieb;
Ich stahl ihr ein Küßchen,
Da schalt sie mich Dieb.
"Sei gut wieder", sagt ich,
"Ich wills nicht mehr tun,
Doch reich zur Versöhnung
Ein Mäulchen mir nun."
Und weil sie so brav war,
So hat sies gewährt,
Und mir noch als Draufgab
Zwei neue beschert.
Ich nahm mirs zur Warnung
Und stahl dann nie mehr,
Denn freiwillig gab sie
Die späteren her.
Demetrius Schrutz
1856 - 1938 deutscher Schriftsteller
Gar klein war die Christel,
Gar groß meine Lieb;
Ich stahl ihr ein Küßchen,
Da schalt sie mich Dieb.
"Sei gut wieder", sagt ich,
"Ich wills nicht mehr tun,
Doch reich zur Versöhnung
Ein Mäulchen mir nun."
Und weil sie so brav war,
So hat sies gewährt,
Und mir noch als Draufgab
Zwei neue beschert.
Ich nahm mirs zur Warnung
Und stahl dann nie mehr,
Denn freiwillig gab sie
Die späteren her.
Demetrius Schrutz
1856 - 1938 deutscher Schriftsteller
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16 Aug 2021 07:21 #37407
von Kaninchen
Erkenntnis…
Mit dummen Mädchen, hab ich gedacht,
nichts ist mit Dummen anzufangen;
doch als ich mich an die Klugen gemacht,
da ist es mir noch schlimmer ergangen.
Die Klugen waren mir viel zu klug,
ihr Fragen machte mich ungeduldig,
und wenn ich selber das Wichtigste frug,
da blieben sie lachend die Antwort schuldig.
Heinrich Heine
Mit dummen Mädchen, hab ich gedacht,
nichts ist mit Dummen anzufangen;
doch als ich mich an die Klugen gemacht,
da ist es mir noch schlimmer ergangen.
Die Klugen waren mir viel zu klug,
ihr Fragen machte mich ungeduldig,
und wenn ich selber das Wichtigste frug,
da blieben sie lachend die Antwort schuldig.
Heinrich Heine
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17 Aug 2021 07:44 #37425
von Kaninchen
Von der Zunge
Das schlimmste Glied, das Menschen tragen,
Ist die Zunge, hör ich sagen.
Die Zunge stiftet manchen Streit,
Entzündet heftgen Haß und Neid.
Was wir Uebels je vernommen
Ist von der Zunge meist gekommen.
Die Zunge stiftet manchen Zorn,
Daß Leib und Seele geht verlorn.
Es haben üble Zungen
Die Guten oft verdrungen.
Die Zunge stiftet manche Noth,
Die Niemand endet als der Tod.
Die Zunge Manchen schändet,
Sie verstümmelt und blendet.
Die Zunge selber hat kein Bein,
Und zerbricht doch Bein und Stein.
Die Zunge wüstet manches Land
Und stiftet Mord und Raub und Brand.
Von der Zunge kommt es meist,
Daß sich Mancher Meineids fleißt.
Wer eine üble Zunge hat,
Die verleitet ihn zu Missethat.
Die Zunge kann die Treue scheiden
Und dem Lieb sein Lieb verleiden.
Die Zunge kann entehren
Und kann Recht verkehren.
Durch die Zunge ists ergangen,
Daß Christus ward ans Kreuz gehangen.
Von der Zunge beides kommt,
Was da schadet, was da frommt.
Für Schande weiß die beste List,
Wer der Zunge Meister ist.
Was Gut und Böses wird vernommen,
Ist von der Zunge meist gekommen.
Wenn die Zunge das Rechte thut,
So ist kein ander Glied so gut.
Ueble Zungen scheiden kann
Liebes Weib von liebem Mann.
Böse Zunge ist ein Gift,
Sagt uns David in der Schrift.
Manche Zunge müßte kürzer sein,
Ging es nach dem Willen mein.
Freidank (Vrîdanc) um 1170 - um 1233, auch Vrîgedanc, bürgerlicher Schwabe, Kreuzzugteilnehmer 1228/29, Verfasser des Lehrgedichts »Bescheidenheit«
Das schlimmste Glied, das Menschen tragen,
Ist die Zunge, hör ich sagen.
Die Zunge stiftet manchen Streit,
Entzündet heftgen Haß und Neid.
Was wir Uebels je vernommen
Ist von der Zunge meist gekommen.
Die Zunge stiftet manchen Zorn,
Daß Leib und Seele geht verlorn.
Es haben üble Zungen
Die Guten oft verdrungen.
Die Zunge stiftet manche Noth,
Die Niemand endet als der Tod.
Die Zunge Manchen schändet,
Sie verstümmelt und blendet.
Die Zunge selber hat kein Bein,
Und zerbricht doch Bein und Stein.
Die Zunge wüstet manches Land
Und stiftet Mord und Raub und Brand.
Von der Zunge kommt es meist,
Daß sich Mancher Meineids fleißt.
Wer eine üble Zunge hat,
Die verleitet ihn zu Missethat.
Die Zunge kann die Treue scheiden
Und dem Lieb sein Lieb verleiden.
Die Zunge kann entehren
Und kann Recht verkehren.
Durch die Zunge ists ergangen,
Daß Christus ward ans Kreuz gehangen.
Von der Zunge beides kommt,
Was da schadet, was da frommt.
Für Schande weiß die beste List,
Wer der Zunge Meister ist.
Was Gut und Böses wird vernommen,
Ist von der Zunge meist gekommen.
Wenn die Zunge das Rechte thut,
So ist kein ander Glied so gut.
Ueble Zungen scheiden kann
Liebes Weib von liebem Mann.
Böse Zunge ist ein Gift,
Sagt uns David in der Schrift.
Manche Zunge müßte kürzer sein,
Ging es nach dem Willen mein.
Freidank (Vrîdanc) um 1170 - um 1233, auch Vrîgedanc, bürgerlicher Schwabe, Kreuzzugteilnehmer 1228/29, Verfasser des Lehrgedichts »Bescheidenheit«
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18 Aug 2021 07:31 #37450
von Kaninchen
Der Narr
Er war nicht unbegabt. Die Geisteskräfte
Genügten für die laufenden Geschäfte.
Nur hat er die Marotte,
Er sei der Papst. Dies sagt er oft und gern
Für jedermann zum Ärgernis und Spotte,
Bis sie zuletzt ins Narrenhaus ihn sperr'n.
Ein guter Freund, der ihn daselbst besuchte,
Fand ihn höchst aufgeregt. Er fluchte:
Zum Kuckuck, das ist doch zu dumm.
Ich soll ein Narr sein und weiß nicht warum.
Ja, sprach der Freund, so sind die Leute.
Man hat an einem Papst genug.
Du bist der zweite.
Das eben kann man nicht vertragen.
Hör zu, ich will dir mal was sagen:
Wer schweigt, ist klug.
Der Narr verstummt, als ob er überlege.
Der gute Freund ging leise seiner Wege.
Und schau, nach vierzehn Tagen grade
Da traf er ihn schon auf der Promenade.
Ei, rief der Freund, wo kommst du her?
Bist du denn jetzt der Papst nicht mehr?
Freund, sprach der Narr und lächelt schlau,
Du scheinst zur Neugier sehr geneigt.
Das, was wir sind, weiß ich genau.
Wir alle haben unsern Sparren,
Doch sagen tun es nur die Narren.
Der Weise schweigt.
Wilhelm Busch
Er war nicht unbegabt. Die Geisteskräfte
Genügten für die laufenden Geschäfte.
Nur hat er die Marotte,
Er sei der Papst. Dies sagt er oft und gern
Für jedermann zum Ärgernis und Spotte,
Bis sie zuletzt ins Narrenhaus ihn sperr'n.
Ein guter Freund, der ihn daselbst besuchte,
Fand ihn höchst aufgeregt. Er fluchte:
Zum Kuckuck, das ist doch zu dumm.
Ich soll ein Narr sein und weiß nicht warum.
Ja, sprach der Freund, so sind die Leute.
Man hat an einem Papst genug.
Du bist der zweite.
Das eben kann man nicht vertragen.
Hör zu, ich will dir mal was sagen:
Wer schweigt, ist klug.
Der Narr verstummt, als ob er überlege.
Der gute Freund ging leise seiner Wege.
Und schau, nach vierzehn Tagen grade
Da traf er ihn schon auf der Promenade.
Ei, rief der Freund, wo kommst du her?
Bist du denn jetzt der Papst nicht mehr?
Freund, sprach der Narr und lächelt schlau,
Du scheinst zur Neugier sehr geneigt.
Das, was wir sind, weiß ich genau.
Wir alle haben unsern Sparren,
Doch sagen tun es nur die Narren.
Der Weise schweigt.
Wilhelm Busch
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19 Aug 2021 07:34 #37468
von Kaninchen
Zwei Heimgekehrte
Zwei Wanderer zogen hinaus zum Tor
Zur herrlichen Alpenwelt empor;
Der eine ging, weil's Mode just,
Den andern trieb der Drang in der Brust.
Und als daheim nun wieder die zwei,
Da rückte die ganze Sippe herbei,
Da wirbelt's von Fragen ohne Zahl:
"Was habt ihr gesehen? Erzählt einmal !"
Der eine drauf mit Gähnen spricht:
"Was wir gesehen? Viel war es nicht !
Ach, Bäume, Wiesen, Bach und Hain,
Und blauen Himmel und Sonnenschein !"
Der andere lächelnd dasselbe spricht,
Doch leuchtenden Blicks, mit verklärtem Gesicht:
"Ei, Bäume, Wiesen, Bach und Hain,
Und blauen Himmel und Sonnenschein !"
Anastasius Grün (1806 - 1876), eigentlich Anton Alexander Graf von Auersperg, Pseudonym: Anastasius Grün, slowenisch Zelenec,
Zwei Wanderer zogen hinaus zum Tor
Zur herrlichen Alpenwelt empor;
Der eine ging, weil's Mode just,
Den andern trieb der Drang in der Brust.
Und als daheim nun wieder die zwei,
Da rückte die ganze Sippe herbei,
Da wirbelt's von Fragen ohne Zahl:
"Was habt ihr gesehen? Erzählt einmal !"
Der eine drauf mit Gähnen spricht:
"Was wir gesehen? Viel war es nicht !
Ach, Bäume, Wiesen, Bach und Hain,
Und blauen Himmel und Sonnenschein !"
Der andere lächelnd dasselbe spricht,
Doch leuchtenden Blicks, mit verklärtem Gesicht:
"Ei, Bäume, Wiesen, Bach und Hain,
Und blauen Himmel und Sonnenschein !"
Anastasius Grün (1806 - 1876), eigentlich Anton Alexander Graf von Auersperg, Pseudonym: Anastasius Grün, slowenisch Zelenec,
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