Gedichte

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19 Sep 2021 07:43 #37909 von Kaninchen
»Manch ein schwer Problema hab' ich
Prüfend in dem Katerherzen
Schon erwogen und ergründet,
Aber eins bleibt ungelöst mir,
Ungelöst und unbegriffen:
Warum küssen sich die Menschen ?
's ist nicht Haß, sie beißen nicht,
Hunger nicht, sie fressen sich nicht.
's kann auch kein zweckloser, blinder
Unverstand sein, denn sie sind sonst
Klug und selbstbewußt im Handeln,
Warum also, frag' umsonst ich,
Warum küssen sich die Menschen;
Warum meistens nur die jüngern ?
Warum diese meist im Frühling ?
Über diese Punkte werd' ich
Morgen auf des Daches Giebel
Etwas näher meditieren.«

 

Joseph Victor von Scheffel
1826 - 1886
deutscher Schriftsteller und Dichter

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20 Sep 2021 07:20 #37918 von Kaninchen
 

Welttheater

Der klügste Direktor ist Gottvater !
Er leitet geschickt das Welttheater.
Zwar gibt er immer das gleiche Stück,
Doch hat er einen himmlischen Trick:

Er läßt, wenn eine Reihe um,
Entstehn ein neues Publikum,
Das von Jahrhundert zu Jahrhundert
Das alte Stück als neu bewundert.

Julius Bauer
1853 - 1941
Journalist und Schriftsteller

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21 Sep 2021 07:39 #37929 von Kaninchen
Trennung

Du warst meine Weggenossin
Zwei Jährlein oder drei,
Dann kamen die Abschiedsstunden,
Die schlugen uns schwere Wunden,
Und Alles war vorbei.

Kehr müd ich nun nach Hause
Aus Arbeit, Schweiß und Dorn,
Hör ich durch öde Hallen
Dumpf meinen Schritt erschallen,
Ingrimmig klirrt mein Sporn.

Tat ich dir denn so Leides,
Verließest du mein Schloß,
Weil meiner Liebe Gedanken,
Im Meer des Alltags versanken,
Das trostlos uns umfloß ?

Und ruf ich deinen Namen,
Der hohle Widerklang
Gibt meinem bebenden Munde
Von höhnender Leere Kunde
Auf meinem Schattengang.

Des Lebens Bäckerfäusten
Entgeh ich nur mit dir.
Pack schnell deine Kisten und Kasten,
Keine Stunde darfst du rasten,
Bis du wieder bei mir.

Detlev von Liliencron
1844 - 1909

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21 Sep 2021 22:09 #37936 von Glögglifrosch
Aus "Sommers Ende" (Hermann Hesse)

Gleichtönig, leis und klagend rinnt
Den lauen Abend lang der Regen,
Hinweinend wie ein müdes Kind
Der nahen Mitternacht entgegen.
Der Sommer, seiner Feste müd,
Hält seinen Kranz in welken Händen
Und wirft ihn weg - er ist verblüht -
Und neigt sich bang und will verenden.


Dateianhang:

Nichts in der Welt wirkt so ansteckend, wie lachen und gute Laune.
Dateianhang:

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22 Sep 2021 07:28 #37949 von Kaninchen
Vorsatz

Ich will's dir nimmer sagen,
wie ich so lieb dich hab';
im Herzen will ich's still tragen,
will stumm sein wie ein Grab.

Kein Lied soll dir's gestehen,
soll flehen um mein Glück!
Du selber sollst es sehen,
du selbst in meinem Blick.

Und kannst du es nicht lesen,
was dort so zärtlich spricht,
so ist's ein Traum gewesen:
Dem Träumer zürne nicht.

 

Robert Eduard Prutz
1816 - 1872
deutscher Lyriker und Romancier

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23 Sep 2021 07:27 #37964 von Kaninchen
Der Entschluß

Als ich dich fragte: "Darf ich Sie beschützen ?"
Da sagtest du: "Mein Herr, Sie sind trivial."
Als ich dich fragte: "Kann ich Ihnen nützen ?"
Da sagtest du: "Vielleicht ein andres Mal."
Als ich dich bat: "Ein Kuß, mein Kind, zum Lohne !"
Da sagtest du: "Mein Gott, was ist ein Kuß ?"
Als ich befahl: "Komm mit mir, wo ich wohne !"
Da sagtest du: "Na, endlich ein Entschluß !"

Erich Mühsam
1878 - 1934

 

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