Gedichte
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01 Okt 2019 07:59 #24839
von Kaninchen
Sagt mir doch, Eidechslein, wofür
trainiert denn Ihr?
Zur Meisterschaft im Sich-Verstecken
zum Wettlauf über eine Spann’?
Zum weitsten Züngelein-Ausstrecken,
und wer als Keckste wohl der Kecken
am längsten Sonnenbaden kann?
Übt ihr vielleicht den besten Schwung
zum höchsten, allerhöchsten Sprung,
das richt’ge Schwanzaufstellen,
um von ihm abzuschnellen?
Ich berg mich hinter einen Baum,
halt mich ganz still und atme kaum.
Jetzt seh ich es, ihr habt ein Ziel:
der Kohlweißlinge Gaukelspiel
scheint euch sehr zu verlocken.
Ich seh euch niederhocken,
und wie mit wunderbar Geschick
den Schmetterling ihr am Genick
im kühnen Sprung gepacket,
dass er zu Boden sacket.
Zerrissen ist sein schönes Kleid,
doch ist mir darum gar nicht leid:
die Raupen, seine Kinder,
sind allzu große Sünder!
Beschmieren mir den ganzen Kohl
und fressen seine Köpfe hohl.
Ihr Eidechslein, ihr lieben,
nur hurtig fortgetrieben
das lustig’ Springespiel
nach gaukelnd weißem Ziel!
Otto Nebelthau
Sagt mir doch, Eidechslein, wofür
trainiert denn Ihr?
Zur Meisterschaft im Sich-Verstecken
zum Wettlauf über eine Spann’?
Zum weitsten Züngelein-Ausstrecken,
und wer als Keckste wohl der Kecken
am längsten Sonnenbaden kann?
Übt ihr vielleicht den besten Schwung
zum höchsten, allerhöchsten Sprung,
das richt’ge Schwanzaufstellen,
um von ihm abzuschnellen?
Ich berg mich hinter einen Baum,
halt mich ganz still und atme kaum.
Jetzt seh ich es, ihr habt ein Ziel:
der Kohlweißlinge Gaukelspiel
scheint euch sehr zu verlocken.
Ich seh euch niederhocken,
und wie mit wunderbar Geschick
den Schmetterling ihr am Genick
im kühnen Sprung gepacket,
dass er zu Boden sacket.
Zerrissen ist sein schönes Kleid,
doch ist mir darum gar nicht leid:
die Raupen, seine Kinder,
sind allzu große Sünder!
Beschmieren mir den ganzen Kohl
und fressen seine Köpfe hohl.
Ihr Eidechslein, ihr lieben,
nur hurtig fortgetrieben
das lustig’ Springespiel
nach gaukelnd weißem Ziel!
Otto Nebelthau
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02 Okt 2019 07:53 #24854
von Kaninchen
Richard von Schaukal
Herbst
Oktoberwind liegt auf dem Bauche
und wirbelt frech mit kaltem Hauche
die welken Blätter in die Welt.
Die blassen Fensterscheiben zittern,
die Bäche sind erschreckt und flittern,
die Hasen ducken sich ins Feld.
Du, hohe Sonne, kämpfst vergebens
mit schwachem Strahle kranken Lebens:
der Winter wartet auf dem Berg.
Die Verse sind ganz steif gefroren,
sie haben allen Schwung verloren
und humpeln wie ein alter Zwerg.
Richard (von) Schaukal (* 27. Mai 1874 in Brünn; † 10. Oktober 1942 in Wien) war ein österreichischer Dichter.
Richard von Schaukal
Herbst
Oktoberwind liegt auf dem Bauche
und wirbelt frech mit kaltem Hauche
die welken Blätter in die Welt.
Die blassen Fensterscheiben zittern,
die Bäche sind erschreckt und flittern,
die Hasen ducken sich ins Feld.
Du, hohe Sonne, kämpfst vergebens
mit schwachem Strahle kranken Lebens:
der Winter wartet auf dem Berg.
Die Verse sind ganz steif gefroren,
sie haben allen Schwung verloren
und humpeln wie ein alter Zwerg.
Richard (von) Schaukal (* 27. Mai 1874 in Brünn; † 10. Oktober 1942 in Wien) war ein österreichischer Dichter.
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03 Okt 2019 08:08 #24869
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04 Okt 2019 07:43 #24885
von Kaninchen
Die Fliege im Flugzeug
Ich war der einzige Passagier
Und hatte – nur zum Spaße –
Eine lebende Fliege bei mir
In einem Einmachglase.
Ich öffnete das Einmachglas.
Die Fliege schwirrte aus und saß
Plötzlich auf meiner Nase
Und rieb sich die Vorderpfoten.
Das verletzte mich.
Ich pustete. Sie setzte sich
Auf das Schildchen "Rauchen verboten".
Ich sah: der Höhenzeiger wies
Auf tausend Meter. Ha! Ich stieß
Das Fenster auf und dachte
An Noahs Archentaube.
Die Fliege aber – ich glaube,
Sie lachte.
Und hängte sich an das Verdeck
Und klebte sehr viel Fliegendreck
Um sich herum, im Kreise,
Unmenschlicherweise.
Und als es dann zur Landung ging,
Unser Propeller verstummte,
Da plusterte das Fliegending
Sich fröhlich auf und summte.
Gott weiß, was in mir vorging,
Als solches mir durchs Ohr ging.
Ich weiß nur noch, ich brummte
Was vor mich hin. So ungefähr:
Ach, daß ich eine Fliege wär.
Joachim Ringelnatz
Ich war der einzige Passagier
Und hatte – nur zum Spaße –
Eine lebende Fliege bei mir
In einem Einmachglase.
Ich öffnete das Einmachglas.
Die Fliege schwirrte aus und saß
Plötzlich auf meiner Nase
Und rieb sich die Vorderpfoten.
Das verletzte mich.
Ich pustete. Sie setzte sich
Auf das Schildchen "Rauchen verboten".
Ich sah: der Höhenzeiger wies
Auf tausend Meter. Ha! Ich stieß
Das Fenster auf und dachte
An Noahs Archentaube.
Die Fliege aber – ich glaube,
Sie lachte.
Und hängte sich an das Verdeck
Und klebte sehr viel Fliegendreck
Um sich herum, im Kreise,
Unmenschlicherweise.
Und als es dann zur Landung ging,
Unser Propeller verstummte,
Da plusterte das Fliegending
Sich fröhlich auf und summte.
Gott weiß, was in mir vorging,
Als solches mir durchs Ohr ging.
Ich weiß nur noch, ich brummte
Was vor mich hin. So ungefähr:
Ach, daß ich eine Fliege wär.
Joachim Ringelnatz
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05 Okt 2019 09:04 #24899
von Kaninchen
Nein, schimpfte die Ringelnatter
"Nein", schimpfte die Ringelnatter, "die Mode
Von heutzutage, die wurmt mich zu Tode.
Jetzt soll man täglich, sage und schreibe,
Zweimal die Wäsche wechseln am Leibe,
Und immer schlimmer wird's mit den Jahren.
Es ist rein um aus der Haut zu fahren!"
So schimpfte die Ringelnatter laut
Und wirklich fuhr sie aus der Haut.
Der Vorfall war nicht ohne Bedeutung,
Denn zoologisch nennt man das Häutung.
Joachim Ringelnatz
Nein, schimpfte die Ringelnatter
"Nein", schimpfte die Ringelnatter, "die Mode
Von heutzutage, die wurmt mich zu Tode.
Jetzt soll man täglich, sage und schreibe,
Zweimal die Wäsche wechseln am Leibe,
Und immer schlimmer wird's mit den Jahren.
Es ist rein um aus der Haut zu fahren!"
So schimpfte die Ringelnatter laut
Und wirklich fuhr sie aus der Haut.
Der Vorfall war nicht ohne Bedeutung,
Denn zoologisch nennt man das Häutung.
Joachim Ringelnatz
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06 Okt 2019 05:50 #24905
von Feschtbrueder
Humor ist, wenn man trotzdem lacht! Lachen ist die beste Medizin!
Der Papagei
Es war einmal ein Papagei,
der war beim Schöpfungsakt dabei
und lernte gleich am rechten Ort
des ersten Menschen erstes Wort.
Des Menschen erstes Wort war A
und hieß fast alles, was er sah,
z.B. Fisch, z.B. Brot,
z.B. Leben oder Tod.
Erst nach Jahrhunderten voll Schnee
erfand der Mensch zum A das B
und dann das L und dann das Q
und schließlich noch das Z dazu.
Gedachter Papagei indem
ward älter als Methusalem,
bewahrend treu in Brust und Schnabel
die erste menschliche Vokabel.
Zum Schlusse starb auch er am Zips.
Doch heut noch steht sein Bild in Gips,
geschmückt mit einem grünen A,
im Staatsschatz zu Ekbatana.
Christian Morgenstern
Es war einmal ein Papagei,
der war beim Schöpfungsakt dabei
und lernte gleich am rechten Ort
des ersten Menschen erstes Wort.
Des Menschen erstes Wort war A
und hieß fast alles, was er sah,
z.B. Fisch, z.B. Brot,
z.B. Leben oder Tod.
Erst nach Jahrhunderten voll Schnee
erfand der Mensch zum A das B
und dann das L und dann das Q
und schließlich noch das Z dazu.
Gedachter Papagei indem
ward älter als Methusalem,
bewahrend treu in Brust und Schnabel
die erste menschliche Vokabel.
Zum Schlusse starb auch er am Zips.
Doch heut noch steht sein Bild in Gips,
geschmückt mit einem grünen A,
im Staatsschatz zu Ekbatana.
Christian Morgenstern
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