Gedichte
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16 Okt 2020 07:16 #31718
von Kaninchen
Das bringt bei Weibern manche Not
Das bringt bei Weibern manche Not:
zu manchem treibt sie ein Verbot,
wozu sie gar nichts triebe,
wenn‘s unverboten bliebe.
Autor: Gottfried von Straßburg
Gottfried von Straßburg († um 1215) war einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter des Mittelalters. Er lebte Ende des 12. und Anfang des 13. Jahrhunderts und war Zeitgenosse von Hartmann von Aue, Wolfram von Eschenbach und Walther von der Vogelweide.
Meister Gottfried von Straßburg (Codex Manesse, 1. Viertel 14. Jahrhundert)
Das bringt bei Weibern manche Not:
zu manchem treibt sie ein Verbot,
wozu sie gar nichts triebe,
wenn‘s unverboten bliebe.
Autor: Gottfried von Straßburg
Gottfried von Straßburg († um 1215) war einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter des Mittelalters. Er lebte Ende des 12. und Anfang des 13. Jahrhunderts und war Zeitgenosse von Hartmann von Aue, Wolfram von Eschenbach und Walther von der Vogelweide.
Meister Gottfried von Straßburg (Codex Manesse, 1. Viertel 14. Jahrhundert)
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17 Okt 2020 07:58 #31744
von Kaninchen
Der verarmte Feinschmecker
Verlornes Glück
Wenn ich bei Brod und Kuhkäs sitze
Und trinke still mein dünnes Bier,
Weht oftmals um die Nasenspitze
Ein Säuseln der Erinnrung mir.
Ein Duft der köstlichsten Gerichte,
Verlornen Glück’s ein matter Schein ...
Ach, soll ich nur noch im Gedichte
Und in Erinnrung glücklich sein?
Heinrich Seidel
Aus der Sammlung "Der verarmte Feinschmecker"
Verlornes Glück
Wenn ich bei Brod und Kuhkäs sitze
Und trinke still mein dünnes Bier,
Weht oftmals um die Nasenspitze
Ein Säuseln der Erinnrung mir.
Ein Duft der köstlichsten Gerichte,
Verlornen Glück’s ein matter Schein ...
Ach, soll ich nur noch im Gedichte
Und in Erinnrung glücklich sein?
Heinrich Seidel
Aus der Sammlung "Der verarmte Feinschmecker"
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18 Okt 2020 08:45 #31763
von Kaninchen
Hänschen ging voll Jagdbegier
Mit dem Besen aus;
"Mutter, einen Braten dir
Bring' ich bald nach Haus!"
Nun mit Jägerleidenschaft
Lief er in das Feld,
Und er schoß mit voller Kraft
Auf die ganze Welt!
Saß ein Häschen auf dem Flur,
Hänschen machte: "Bumm!"
Häschen machte Männchen nur,
Aber fiel nicht um.
Saß ein Rabe auf dem Baum,
Hänschen machte: "Puh!"
Doch der Rabe, wie im Traum,
Saß in guter Ruh'.
Hüpft ein Sperling auf dem Weg,
Hänschen machte: "Paff!"
Doch der Sperling piepte frech:
"Hänschen, bist ein Aff!"
Hänschen nun verlor den Mut,
Zog ein schief Gesicht:
"Schießen tut die Flinte gut,
Doch sie trifft ja nicht!"
Heinrich Seidel
1842 - 1906
ab 1880 lebte er als freier Schriftsteller in Berlin
Mit dem Besen aus;
"Mutter, einen Braten dir
Bring' ich bald nach Haus!"
Nun mit Jägerleidenschaft
Lief er in das Feld,
Und er schoß mit voller Kraft
Auf die ganze Welt!
Saß ein Häschen auf dem Flur,
Hänschen machte: "Bumm!"
Häschen machte Männchen nur,
Aber fiel nicht um.
Saß ein Rabe auf dem Baum,
Hänschen machte: "Puh!"
Doch der Rabe, wie im Traum,
Saß in guter Ruh'.
Hüpft ein Sperling auf dem Weg,
Hänschen machte: "Paff!"
Doch der Sperling piepte frech:
"Hänschen, bist ein Aff!"
Hänschen nun verlor den Mut,
Zog ein schief Gesicht:
"Schießen tut die Flinte gut,
Doch sie trifft ja nicht!"
Heinrich Seidel
1842 - 1906
ab 1880 lebte er als freier Schriftsteller in Berlin
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19 Okt 2020 07:17 #31781
von Kaninchen
Die verlorne Perle
Ich armer Mensch hatt' ich denn nicht
Einst eine Perle funden?
Und mich an ihrem hellen Licht
Ergötzt zu vielen Stunden?
Hab' ich sie nicht als Unterpfand
Des Glücks am Strand gelesen? -
Nun ist sie mir weg aus der Hand,
Als wär's ein Traum gewesen? —
Ach nein, ach nein! es war kein Traum,
Ich hatte wirklich Eine,
Und die zerrann mit, wie ein Schaum,
Und ist nicht mehr die meine.
Da ich sie hatte, war ich reich,
Mir fehlte nichts auf Erden;
Jetzt bin ich einem Bettler gleich
Und muß noch ärmer werden.
Ich hätte sie für keinen Preis,
Für keinen weg gegeben;
Ich liebte sie so treu und heiß,
Als wie mein eigen Leben.
Was sonst die reiche Erde hat,
Ich konnt' es leicht entbehren.
Ich ward an meiner Perle satt,
Ich fühlte kein Begehren.
Es gab für mich die eine nur
Und ach, mit Weh und Bangen
Ist diese Eine ohne Spur
Für mich verloren gangen.
Sie fehlt mir, wo ich geh' und steh',
Und wird mir immer fehlen;
Und jeder Tag wird mir mein Weh,
Daß sie verschwand, erzählen.
Und fände sie sich wieder ein:
Sie wirft doch andre Strahlen;
Nur einmal, einmal war sie mein,
Wird's nicht zu zweien Malen.
Was sich von Herzen lösend wand,
Das wächst nur an mit Narben,
Die Zauber, womit sonst es band,
Die welkten hin und starben.
Heinrich Möwes
Ich armer Mensch hatt' ich denn nicht
Einst eine Perle funden?
Und mich an ihrem hellen Licht
Ergötzt zu vielen Stunden?
Hab' ich sie nicht als Unterpfand
Des Glücks am Strand gelesen? -
Nun ist sie mir weg aus der Hand,
Als wär's ein Traum gewesen? —
Ach nein, ach nein! es war kein Traum,
Ich hatte wirklich Eine,
Und die zerrann mit, wie ein Schaum,
Und ist nicht mehr die meine.
Da ich sie hatte, war ich reich,
Mir fehlte nichts auf Erden;
Jetzt bin ich einem Bettler gleich
Und muß noch ärmer werden.
Ich hätte sie für keinen Preis,
Für keinen weg gegeben;
Ich liebte sie so treu und heiß,
Als wie mein eigen Leben.
Was sonst die reiche Erde hat,
Ich konnt' es leicht entbehren.
Ich ward an meiner Perle satt,
Ich fühlte kein Begehren.
Es gab für mich die eine nur
Und ach, mit Weh und Bangen
Ist diese Eine ohne Spur
Für mich verloren gangen.
Sie fehlt mir, wo ich geh' und steh',
Und wird mir immer fehlen;
Und jeder Tag wird mir mein Weh,
Daß sie verschwand, erzählen.
Und fände sie sich wieder ein:
Sie wirft doch andre Strahlen;
Nur einmal, einmal war sie mein,
Wird's nicht zu zweien Malen.
Was sich von Herzen lösend wand,
Das wächst nur an mit Narben,
Die Zauber, womit sonst es band,
Die welkten hin und starben.
Heinrich Möwes
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20 Okt 2020 07:31 #31801
von Kaninchen
Schöner Herbst
von Kurt Tucholsky
Das ist ein sündhaft blauer Tag!
Die Luft ist klar und kalt und windig, weiß Gott: ein Vormittag, so find ich, wie man ihn oft erleben mag.
Das ist ein sündhaft blauer Tag!
Jetzt schlägt das Meer mit voller Welle gewiß an eben diese Stelle,
wo dunnemals der Kurgast lag.
Ich hocke in der großen Stadt: und siehe,
durchs Mansardenfenster bedräuen mich die Luftgespenster ...
Und ich bin müde, satt und matt.
Dumpf stöhnend lieg ich auf dem Bett.
Am Strand war es im Herbst viel schöner ...
Ein Stimmungsbild, zwei Fölljetöner und eine alte Operett!
Wenn ich nun aber nicht mehr mag!
Schon kratzt die Feder auf dem Bogen –
das Geld hat manches schon verbogen ...
Das ist ein sündhaft blauer Tag!
von Kurt Tucholsky
Das ist ein sündhaft blauer Tag!
Die Luft ist klar und kalt und windig, weiß Gott: ein Vormittag, so find ich, wie man ihn oft erleben mag.
Das ist ein sündhaft blauer Tag!
Jetzt schlägt das Meer mit voller Welle gewiß an eben diese Stelle,
wo dunnemals der Kurgast lag.
Ich hocke in der großen Stadt: und siehe,
durchs Mansardenfenster bedräuen mich die Luftgespenster ...
Und ich bin müde, satt und matt.
Dumpf stöhnend lieg ich auf dem Bett.
Am Strand war es im Herbst viel schöner ...
Ein Stimmungsbild, zwei Fölljetöner und eine alte Operett!
Wenn ich nun aber nicht mehr mag!
Schon kratzt die Feder auf dem Bogen –
das Geld hat manches schon verbogen ...
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21 Okt 2020 07:24 #31820
von Kaninchen
Der heilige Antonius - letzte Versuchung
Der heilige Antonius von Padua
Saß oftmals ganz alleinig da
Und las bei seinem Heiligenschein
Meistens bis tief in die Nacht hinein. -
Und wie er sich umschaut, der fromme Mann,
Schaut ihn ein hübsches Mädchen an. -
der heilige Antonius von Padua
War aber ganz ruhig, als dies geschah.
Er sprach: "Schau du nur immer zu,
Du störst mich nicht in meiner christlichen Ruh!"
Als er nun wieder so ruhig saß
Und weiter in seinem Buche las -
Husch, husch! - so spürt er auf der Glatzen
Und hinterm Ohr ein Kribbelkratzen,
Dass ihm dabei ganz sonderbar,
Bald warm, bald kalt zumute war. -
Der heilige Antonius von Padua
War aber ganz ruhig, als dies geschah.
Er sprach: "So krabble du nur zu,
Du störst mich nicht in meiner christlichen Ruh!"
"Na! - Na!"
"Na, na! - sag´ ich!!!"
"Hm! hm! - hm!!!"
Und gibt dem heil´gen Antonius
Links und rechts einen herzhaften Kuss.
Er sprang empor, von Zorn entbrannt;
Er nahm das Kreuz in seine Hand:
"Lass ab von mir, unsaubrer Geist!
Sei, wie du bist, wer du auch seist!"
Puh!! - Da sauste mit großem Rumor
Der Satanas durchs Ofenrohr.
Der heilige Antonius, ruhig und heiter,
Las aber in seinem Buche weiter! -
So lass uns denn auf dieser Erden
Auch solche fromme Heil'ge werden!
Wilhelm Busch
Der heilige Antonius von Padua
Saß oftmals ganz alleinig da
Und las bei seinem Heiligenschein
Meistens bis tief in die Nacht hinein. -
Und wie er sich umschaut, der fromme Mann,
Schaut ihn ein hübsches Mädchen an. -
der heilige Antonius von Padua
War aber ganz ruhig, als dies geschah.
Er sprach: "Schau du nur immer zu,
Du störst mich nicht in meiner christlichen Ruh!"
Als er nun wieder so ruhig saß
Und weiter in seinem Buche las -
Husch, husch! - so spürt er auf der Glatzen
Und hinterm Ohr ein Kribbelkratzen,
Dass ihm dabei ganz sonderbar,
Bald warm, bald kalt zumute war. -
Der heilige Antonius von Padua
War aber ganz ruhig, als dies geschah.
Er sprach: "So krabble du nur zu,
Du störst mich nicht in meiner christlichen Ruh!"
"Na! - Na!"
"Na, na! - sag´ ich!!!"
"Hm! hm! - hm!!!"
Und gibt dem heil´gen Antonius
Links und rechts einen herzhaften Kuss.
Er sprang empor, von Zorn entbrannt;
Er nahm das Kreuz in seine Hand:
"Lass ab von mir, unsaubrer Geist!
Sei, wie du bist, wer du auch seist!"
Puh!! - Da sauste mit großem Rumor
Der Satanas durchs Ofenrohr.
Der heilige Antonius, ruhig und heiter,
Las aber in seinem Buche weiter! -
So lass uns denn auf dieser Erden
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Wilhelm Busch
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