Gedichte

Mehr
04 Nov 2020 07:31 #32091 von Kaninchen
Der Junker und der Bauer

Ein Bauer trat mit seiner Klage
vor Junker Alexander hin:
"Vernehmt, Herr, daß ich heut am Tage
recht übel angekommen bin:
Mein Hund hat Eure Kuh gebissen.
Wer wird den Schaden tragen müssen?"
"Schelm, das sollst du!" fuhr hier der Junker auf,
"für dreißig Taler war mir nicht die Kuh zum Kauf,
die sollst du diesen Augenblick erlegen.
Das sei hiermit erkannt von Rechtes wegen."
"Ach nein, gestrenger Herr! ich bitte, hört"
rief ihm der Bauer wieder zu,
"ich hab es in der Angst verkehrt;
nein, Euer Hund biß meine Kuh."
Und wie hieß nun das Urteil Alexanders?
"Ja, Bauer! Das ist ganz ein anders!"

Michael Richey (1678 - 1761), deutscher Theologe, Gelehrter und Dichter; Mitglied der "Patriotischen Gesellschaft"


Quelle: Als der Großvater die Großmutter nahm. Ein Liederbuch für altmodische Leute, Leipzig 1885. Erschien zuerst unter Ramlers Namen im ersten Band von Carl Wilhelm Ramlers 'Fabellese', Berlin 1783, ist aber eine Nachdichtung eines bereits 1731 von Michael Richey gedichteten Textes

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
05 Nov 2020 07:52 #32112 von Kaninchen
Vor Gericht

Von wem ich es habe, das sag ich euch nicht,
Das Kind in meinem Leib.
Pfui! speit ihr aus: die Hure da!
Bin doch ein ehrlich Weib.

Mit wem ich mich traute, das sag ich euch nicht.
Mein Schatz ist lieb und gut,
Trägt er eine goldene Kett am Hals,
Trägt er einen strohernen Hut.

Soll Spott und Hohn getragen sein,
Trag ich allein den Hohn.
Ich kenn ihn wohl, er kennt mich wohl,
Und Gott weiß auch davon.

Herr Pfarrer und Herr Amtmann ihr,
ich bitt, lasst mich in Ruh!
Es ist mein Kind, es bleibt mein Kind,
Ihr gebt mir ja nichts dazu.

Johann Wolfgang von Goethe


Quelle: Goethe, J. W., Gedichte. Ausgabe letzter Hand, 1827. Balladen

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
06 Nov 2020 07:30 #32132 von Kaninchen
Publikum

Das Publikum ist eine einfache Frau,
Bourgeoishaft, eitel und wichtig,
Und folgt man, wenn sie spricht, genau,
So spricht sie nicht mal richtig.

Eine einfache Frau, doch rosig und frisch,
Und ihre Juwelen blitzen,
Und sie lacht und führt einen guten Tisch,
Und es möchte sie jeder besitzen.

Theodor Fontane
(1819 - 1898)
dt. Schriftsteller, Journalist, Erzähler und Theaterkritiker

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
07 Nov 2020 08:06 #32145 von Kaninchen

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
08 Nov 2020 08:22 #32166 von Kaninchen
Ein Rosenzweig



Im Süden war's. Zur Nachtzeit. Eine Gasse.
Ich trat aus deinem Haus und schloss das Tor
und wandte noch einmal den Blick empor:
da flog ein Zweig aus deinem Dachgelasse

und fiel aufs Pflaster, - dass ich rasch mich bückte
und deinen Hauch noch warm vom Munde nahm
der schweren Rosen, deren Gruss den Gram
der kurzen Trennung duftend überbrückte.

Christian Morgenstern

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
09 Nov 2020 07:14 #32186 von Kaninchen
Mein Ideal hat Augen
So veilchenblau und sinnig,
Und einen Mund, der lächelt,
So lieb und herzensinnig !



Doch denke ich zuweilen
An alle meine Schulden –
Dann hat es einen Buckel
Und hunderttausend Gulden !


Unbekannt

Quelle: Fliegende Blätter, humoristische deutsche Wochenschrift, 1845-1944

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Ladezeit der Seite: 0.217 Sekunden
Powered by Kunena Forum