Gedichte

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19 Aug 2022 11:17 #41733 von Kaninchen
 

Das Volkslied

Das Volkslied ist ein Findelkind,
geboren in der Gassen,
dort han die Eltern, freigesinnt,
das Kleine liegen lassen.
Da kam ein Wanderbursch daher,
der packt es in sein Bündel
und führt auf Fahrten kreuz und quer
mit sich das süße Kindel.

Er füttert es mit blauer Luft
und Licht vom Abendsterne,
er hat´s getränkt mit Fliederduft
und Wein aus der Taberne.
Ließ taufen es nach frommem Brauch
und tät´s im Singen üben,
doch lehrt er ihn das Trinken auch,
das Tanzen und das Lieben.

Bei Hammerschlag und Funkengold
in eines Meisters Klause
da war die Jungfrau wunderhold
das erste Mal zuhause.
Doch grüßt sie auch den Bauersmann
beim Pfluge dort im Winde
und führte ihm den Reigen an
des abends bei der Linde.

Zog mit Soldaten in den Krieg
un spornte sie zur Rache
und sang beim Kampf und sang beim Sieg
und sang auf stiller Wache,
und sang mit nimmermüdem Sinn
wo immer sich nur Menschen fanden:
Da wurde sie die Königin
in allen deutschen Landen.


Paul Keller
1873-1932
deutscher Schriftsteller

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21 Aug 2022 14:56 #41753 von Kaninchen
Rückschau

Ich habe gerochen alle Gerüche
in dieser holden Erdenküche;
Was man genießen kann in der Welt,
das hab ich genossen wie je ein Held !
Hab Kaffee getrunken, hab Kuchen gegessen,
hab manch schöne Puppe besessen;
Trug seidne Westen, den feinsten Frack,
mir klingelten auch Dukaten im Sack.
Wie Gellert ritt ich auf hohem Roß;
ich hatte ein Haus, ich hatte ein Schloß.
Ich lag auf der grünen Wiese des Glücks,
die Sonne grüßte goldigsten Blicks;
Ein Lorbeerkranz umschloß die Stirn,
er duftete Träume mir ins Gehirn,
Träume von Rosen und ewigen Mai -
es ward mir so selig zu Sinne dabei,
so dämmersüchtig, so sterbefaul -
mir flogen gebratene Tauben ins Maul,
und Englein kamen, und aus den Taschen
sie zogen hervor Champagnerflaschen -
Das waren Visionen, Seifenblasen -
sie platzten - jetzt lieg ich auf feuchtem Rasen,
die Glieder sind mir rheumatisch gelähmt,
und meine Seele ist tiefbeschämt.
Ach, jede Lust und jeden Genuß
hab ich erkauft durch herben Verdruß;
Ich ward getränkt mit Bitternissen
und grausam von den Wanzen gebissen;
Ich ward bedrängt von schwarzen Sorgen,
ich mußte lügen, ich mußte borgen
bei reichen Buben und alten Vetteln -
ich glaube sogar, ich mußte betteln.
Jetzt bin ich müd´ vom Rennen und Laufen,
jetzt will ich mich im Grabe verschnaufen.
Lebt wohl ! Dort oben, ihr christlichen Brüder,
Ja, das versteht sich, dort seh´n wir uns wieder.


Heinrich Heine
deutscher Dichter und Romancier

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22 Aug 2022 17:00 #41763 von Kaninchen
 

Bei mir kann kein Buch veralten.
Kaum hab ich eins, so muß ich´s schon verleihn.
Und da fällt´s oft den Leuten ein,
daß es viel leichter sei, die Bücher zu behalten
als das, was sie enthalten.

Peter Wilhelm Hensler
deutscher Epigrammdichter

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23 Aug 2022 11:30 #41773 von Kaninchen
Würd es mir fehlen, würd´ ich´s vermissen ´?Heute früh, nach gut durchschlafener Nacht,bin ich wieder aufgewacht.Ich setzte mich an den Frühstückstisch,der Kaffee war warm, die Semmel war frisch.ich habe die Morgenzeitung gelesen,(es sind wieder Avencements gewesen).Ich trat ans Fenster, ich sah hinunter,es trabte wider, es klingelte munter,eine Schürze (beim Schlächter), hing über dem Stuhle,kleine Mädchen gingen nach der Schule,alles war freundlich, alles war nett,aber wenn ich weitergeschlafen hätt´,und tät´ von alledem nichts wissen,würd´ es mir fehlen, würd´ ich´s vermissen ?Theodor Fontanedt. Schriftsteller 

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24 Aug 2022 07:12 #41776 von Kaninchen
 

Gestern vergessen, heute nachgeholt

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24 Aug 2022 12:12 #41785 von Kaninchen
 

Eine schwarze Katze kauert vor meiner Tür,
Eine kleine, kurzgeschorene schwarze Katze;
Ich komme nach Hause, und mit einem Satze
Wie ich aufschließe, springt sie herein zu mir.

Was will die kleine, schwarze Katze bei mir ?
Wär es ein Hündchen, ich wüßt es zu verstehen;
Ein Frauenhündchen, ich weiß damit umzugehen.
Die Katze ist mir ein völlig fremdes Tier.

Sie ist die Seele von meinem Spiritus
Familiaris. Er hat sich umgebrungen.
Die schwarze Katze kommt zu mir hereingesprungen,
weil sie doch irgendwo übernachten muß.

Frank Wedekind
deutscher Dramatiker

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