Gedichte

Mehr
02 Jun 2026 15:48 #59053 von Kaninchen
 

Als der Großvater die Großmutter nahm,
Da wußte man nichts von Mamsell und Madam.
Die züchtige Jungfrau, das häusliche Weib,
Sie waren echt deutsch noch an Seel' und an Leib.
Als der Großvater die Großmutter nahm,
Da herrschte noch sittig verschleierte Scham;
Man trug sich fein ehrbar und fand es nicht schön,
In griechischer Nacktheit auf die Straßen zu geh'n.

Als der Großvater die Großmutter nahm,
Da war ihr die Wirtschaft kein widriger Kram;
Sie las nicht Romane, sie ging vor den Herd,
Und mehr war ihr Kind als der Schoßhund ihr wert.

Als der Großvater die Großmutter nahm,
Da war es der Biedermann, den sie bekam.
Ein Handschlag zu jener hochrühmlichen Zeit
Galt mehr als im heutigen Leben ein Eid.

Als der Großvater die Großmutter nahm,
Da war noch die Tatkraft der Männer nicht lahm;
Der weibische Zierling, der feige Phantast
Ward selbst von den Frauen verhöhnt und verhaßt.

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

  • Feschtbrueder
  • Feschtbrueders Avatar Autor
  • Offline
  • Administrator
  • Administrator
Mehr
03 Jun 2026 13:58 - 03 Jun 2026 13:58 #59073 von Feschtbrueder
Die Kartenlegerin

Das Schiff war schon im Hafen leck.
Man besserte an dem Schaden.
Das Schiff hatte Fässer geladen
Und Passagiere im Zwischendeck.

Mittags stieg eine Negerin
In das Matrosenlogis.
Sie wäre Kartenlegerin,
Bedeutete sie.

"Two shillings" - oder ein Kleidungsstück,
Sie zeigte auf wollene Sachen.
So eine weiß manchmal, wie man sein Glück
Kann machen.

Sie redeten voreinander dumm,
Gaben der Alten zu saufen,
Drückten ihr lachend am Busen herum
Und ließen sie dann laufen.

Nachts hockte die alte, schwarze Kuh
An Deck zwischen Fässern und Tauen.
Vor ihr lag Kuttel Daddeldu
Dienstmüde und dachte an Frauen.

Da legte die Kartenlegerin
Die Karten, die ihn betrafen,
An Deck und murmelte vor sich hin.
Kuttel war eingeschlafen.

Sie murmelte Worte in den Wind.
Das Schiff fing an zu rollen.
Das Schiff und die Menschen darauf sind
Verschollen.

Joachim Ringelnatz

 

:-) Humor ist, wenn man trotzdem lacht! Lachen ist die beste Medizin!
Letzte Änderung: 03 Jun 2026 13:58 von Feschtbrueder.

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
03 Jun 2026 16:35 #59078 von Kaninchen
Regentropfen

Ein Regentropfen sprach
Zum andern Regentropfen:
Möcht' wissen, warum wir
An dieses Fenster klopfen.

Der andre Tropfen sprach:
Hier wohnt ein Kind der Noth,
Und dem verkünden wir:
Es wächst, es wächst das Brod.

Moritz Hartmann (1821 - 1872), österreichischer Schriftsteller

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
04 Jun 2026 10:28 #59097 von Kaninchen
 

Sie war ein Blümlein hübsch und fein
Wilhelm Busch

Sie war ein Blümlein hübsch und fein,
Hell aufgeblüht im Sonnenschein.
Er war ein junger Schmetterling,
Der selig an der Blume hing.

Oft kam ein Bienlein mit Gebrumm
Und nascht und säuselt da herum.
Oft kroch ein Käfer kribbelkrab
Am hübschen Blümlein auf und ab.

Ach Gott, wie das dem Schmetterling
So schmerzlich durch die Seele ging.

Doch was am meisten ihn entsetzt,
Das Allerschlimmste kam zuletzt.
ein alter Esel fraß die ganze
Von ihm so heiß geliebte Pflanze.

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

  • Feschtbrueder
  • Feschtbrueders Avatar Autor
  • Offline
  • Administrator
  • Administrator
Mehr
04 Jun 2026 10:30 #59098 von Feschtbrueder
Die Krähe

Die Krähe lacht. Die Krähe weiß,
Was hinter Vogelscheuchen steckt,
Und daß sie nicht wie Huhn mit Reis
Und Curry schmeckt.

Die Krähe schnupft. Die Krähe bleibt
Nicht gern in einer Nähe.
Dank ihrer Magensäure schreibt
Sie Runen. Jede Krähe.

Sie torkelt scheue Ironie,
Flieht souverän beschaulich.
Und wenn sie mich sieht, zwinkert sie
Mir zu, doch nie vertraulich.

Joachim Ringelnatz

:-) Humor ist, wenn man trotzdem lacht! Lachen ist die beste Medizin!

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
05 Jun 2026 16:32 #59125 von Kaninchen
Mit fünf Jahren…

Das Gedicht „Mit fünf Jahren…“ stammt aus der Feder von Arno Holz.

Mit
fünf Jahren
war ich mir über alles
klar.

In China
wurde französisch gesprochen,
in Afrika
gab es einen Vogel, der Känguru hieß,
und die Jungfrau Maria war katholisch und hatte ein himmelblaues Kleid an.

Sie war aus Wachs und dem lieben Gott seine Mutter.

Wenn ich groß war,
wollte ich Schiller und Goethe werden
und in Berlin
hinterm Schloss wohnen.

Wenn ich Kinder kriegte,
wollte ich sie alle … anstreichen lassen.

Das kostete nicht soviel,
und sie zerrissen sich nicht die Hosen.

Beim Buchbinder Pollakowski
hing ein großer, bunter, sonnenvergilbter
Bilderbogen
mit einem weißen Schimmel, der auf seinen Hinterbeinen stand.

Der dicke Türke mit dem blanken Säbel drauf
hieß Ali Pascha.

Wenn ich mal einen Groschen hatte,
wollte ich mir den
kaufen.

Am liebsten aber
wollte ich doch … die Nilquellen entdecken.

Ich wusste genau,
wie man das machte.

Wo er rausfloss,
setzte man sich einfach in ein Boot
und fuhr dann immerzu weiter, bis wo alles aufhört.

Da war man denn da.

Dort gab es Affen,
die sich mit Apfelsinen und Kokusnüssen beschmissen,
Goldstreusand
und Traubrosinenbäume mit Knackmandeln dran.

Und damit ich nicht so lange verhungerte,
wollte ich mir
lauter Gerstenzucker und eine Unmasse Johannisbrot
mitnehmen.

Aber das sagte ich keinem.

Das behielt ich ganz für mich alleine.

Bloß
ich wunderte mich bei mir,
dass die andern alle … so dumm waren!

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Ladezeit der Seite: 0.218 Sekunden
Powered by Kunena Forum