Gedichte

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04 Jul 2019 18:38 #23776 von Kaninchen
Heinrich Seidel

Hänschen auf der Jagd

Hänschen wollte jagen gehn,
Hatte kein Gewehr,
Sah er einen Besen stehen:
Herz, was willst du mehr?
Hänschen ging voll Jagdbegier
Mit dem Besen aus;
»Mutter, einen Braten dir
Bring' ich bald nach Haus!«

Nun mit Jägerleidenschaft
Lief er in das Feld,
Und er schoß mit voller Kraft
Auf die ganze Welt!
Saß ein Häschen auf der Flur,
Hänschen machte: »Bumm!«
Häschen machte Männchen nur,
Aber fiel nicht um.
Saß ein Rabe auf dem Baum,
Hänschen machte: »Puh!«
Doch der Rabe, wie im Traum,
saß in guter Ruh'.
Hüpft ein Sperling an dem Weg,
Hänschen machte: »Paff!«
Doch der Sperling piepte frech:
»Hänschen, bist ein Aff!«

Hänschen nun verlor den Mut,
Zog ein schief Gesicht:
»Schießen tut die Flinte gut
Doch sie trifft ja nicht!«






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05 Jul 2019 07:40 #23787 von Kaninchen
Über Namen wachsen Gräser
über Schmerzen wächst die Zeit
Alltag wuchert über alles
lebt in der Vergänglichkeit

Über gestern, heute, morgen
liegt ein Hauch der Ewigkeit
Namen, Gräser, Alltag, Schmerzen
über alle geht die Zeit.

Unbekannt

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06 Jul 2019 07:29 - 06 Jul 2019 07:35 #23794 von Kaninchen
Blinde Kuh

O liebliche Therese!
Wie wandelt gleich in's Böse
Dein offnes Auge sich!
Die Augen zugebunden,
Hast du mich schnell gefunden,
Und warum fingst du eben mich?

Du faßtest mich auf's Beste,
Und hieltest mich so feste;
Ich sank in deinen Schoß.
Kaum warst du aufgebunden,
War alle Lust verschwunden;
Du ließest kalt den Blinden los.

Er tappte hin und wider,
Verrenkte fast die Glieder,
Und alle foppten ihn.
Und willst du mich nicht lieben,
So geh' ich stets im Trüben
Wie mit verbundnen Augen hin.

Johann Wolfgang von Goethe



Jean-Honore Fragonard : Das Blinde-Kuh-Spiel , 1751
Letzte Änderung: 06 Jul 2019 07:35 von Kaninchen.

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07 Jul 2019 08:53 #23811 von Kaninchen


Ein Nagel saß in einem Stück Holz.

Ein Nagel saß in einem Stück Holz
Der war auf seine Gattin sehr stolz.
Die trug eine goldene Haube
Und war eine Messingschraube.
Sie war etwas locker und etwas verschraubt,
Sowohl in der Liebe, als auch überhaupt.
Sie liebte ein Häkchen und traf sich mit ihm
In einem Astloch. Sie wurden intim.
Kurz, eines Tages entfernten sie sich
Und ließen den armen Nagel im Stich.
Der arme Nagel bog sich vor Schmerz.
Noch niemals hatte sein eisernes Herz
So bittere Leiden gekostet.
Bald war er beinah verrostet.
Da aber kehrte sein früheres Glück,
Die alte Schraube wieder zurück.
Sie glänzte übers ganze Gesicht.
Ja, alte Liebe, die rostet nicht!

Joachim Ringelnatz

binged.it/2LGuxlU

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08 Jul 2019 07:26 #23817 von Kaninchen



Der Marienkäfer


Wie Vater grad den Birnbaum pflegt,
wird er von Kummer ganz bewegt.

Das kleine Bäumchen traurig steht
von schwarzen Läusen übersät.
Und war so gut mit Gift gespritzt,
hat scheinbar doch nicht recht genützt!
Derweil der Vater sich besinnt,
wie er nun helfen kann geschwind,
fliegt etwas her, was ist das denn?
Und immer mehr, und ein Gerenn’
fängt über alle Zweige an,
die schwarz mit Läusen angetan.
Der Vater sieht es froh verwundert:
Marienkäfer, mehr als hundert,
die kamen wie auf ein Gebot
in Bäumchens allerhöchster Not.

Sie stürzen auf die Läuse sich,
sie packen sie, und jämmerlich
vergeht die böse, schwarze Brut;
das tut dem Vater wahrlich gut.
Mit zärtlich’ Worten grüßt er sie:
„Lieb Käferchen der Frau Marie,
ihr Gotteskälbchen, vielen Dank,
nun ist mein Bäumchen nicht mehr krank!“
Im Winter sagt die Mutter drum,
fliegt solch ein Käferchen herum
im warmen Raum, wo Schutz es fand,
sagt, wenn es fliegt auf ihre Hand:
„Das bringt mir Glück!“ und hält ganz still,
solang das Käferchen es will.

Otto Nebelthau








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09 Jul 2019 07:45 #23827 von Kaninchen


Die Rose, die Lilie, die Taube, die Sonne

Die Rose, die Lilie, die Taube, die Sonne
Die liebt' ich einst alle in Liebeswonne.
Ich lieb' sie nicht mehr, ich liebe alleine
Die Kleine, die Feine, die Reine, die Eine;
Sie selber, aller Liebe Bronne,
Ist Rose und Lilie und Taube und Sonne.

Heinrich Heine



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