Gedichte

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16 Jul 2019 07:34 #23892 von Kaninchen


Abendfriede

Schwebe, Mond, im tiefen Blau
Ueber Bergeshöhn,
Sprudle Wasser, blinke Thau . . .
Nacht, wie bist du schön!

Spiegle, See, den reinen Strahl;
Friede athmend lind
Durch das wiesenhelle Thal
Walle, weicher Wind!

Wie durch einen Zauberschlag
Bin ich umgestimmt
Von Gedanken, die der Tag
Bringt und wieder nimmt.

Daß es auch ein Sterben gibt,
Fühl' ich ohne Schmerz,
Was ich liebe, was micht liebt,
Geht mir still durchs Herz.

Ludwig Eichrodt
(1827 - 1892), Pseudonym Rudolf Rodt, deutscher Schriftsteller, seinen »Gedichten des schwäbischen Schullehrers Gottlieb Biedermeier und seines Freundes Horatius Treuherz« verdankt der Zeitstil seinen Namen ›Biedermeier‹



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16 Jul 2019 08:18 #23894 von Feschtbrueder
Der kleine Narr

Ich sitz' im kleinen, fremden Stübchen —
Und sinn' — und schreibe hin und wieder
Ein drollig, halbbekleidet Bübchen
Hockt stumm zu meinen Füßen nieder.
Erst schaut es auf mein stilles Walten
Mit Kinderaugen, ohn' Bewegen;
Dann müht es sich, in ernste Falten
Die Stirne so wie ich zu legen.

Es scheint dem Bübchen nicht zu passen,
Dass nichts mich stört im Weiterschreiben
Und dass die reizendsten Grimassen
So gänzlich ohne Wirkung bleiben.
Drum während es in raschem Kritzeln
Die Feder hin und her sieht fliehen,
Sucht es durch Zupfen und durch Ritzeln
Mein Augenmerk auf sich zu ziehen.

Und zornig fahre ich vom Platze,
Sein Deputat ihm zuzumessen,
— Da sitzt die kleine, süsse Fratze,
Wie sie die ganze Zeit gesessen!
Des Auges finstren Blick nach oben,
Die Stirn gelegt in tiefe Falten,
Kann doch das Mäulchen, leicht verschoben,
Den Schelm kaum bändigen und verhalten.

Und lachend heb' ich 's Hemdenmätzchen
Empor, damit's im Haar mich zause!
Solch allerliebst‘ Bajazzofrätzchen
Macht ja mein Schätzchen auch zu Hause,
Wenn es sich ungebärdig stellte,
Als wär's zum Trotz so abgekartet,
Und statt der wohlverdienten Schelte
Ganz ruhig dann — auf Küsse wartet.

Rudolf Herzog

:-) Humor ist, wenn man trotzdem lacht! Lachen ist die beste Medizin!

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19 Jul 2019 16:35 #23922 von Feschtbrueder
August der Starke

August der Starke, der Kurfürst von Sachsen,
das war ein derart verfressener Mann,
dass er nach Enten und Gänsen und Haxen
meistens noch einmal von vorne begann.

Alles, fast alles war nämlich vergessen,
wenn am beladenen Tische er sass.
Alles. Fast alles. Nur nicht die Mätressen,
die er besuchte nach höllischem Frass.

Denn auch bei Frauen war er wie von Sinnen.
August, er liebte mit Haut und mit Haar.
Niemals liess je er ein Weibsstück von hinnen,
eh es ihm nicht einen Enkel gebar.

Und wie er lebte, so war auch sein Ende.
Liebend und fressend, begierig nach Fleisch,
starb er, die Zähne in knuspriger Lende,
wild sich berauschend an schrillem Gekreisch.

Andreas Kley, 2011 (aus der Sammlung „Aus der Geschichte“)

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21 Jul 2019 08:30 #23938 von Kaninchen


Joachim Ringelnatz
Sommerfrische

Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß,
Das durch den sonnigen Himmel schreitet.
Und schmücke den Hut, der dich begleitet,
Mit einem grünen Reis.

Verstecke dich faul in der Fülle der Gräser.
Weil's wohltut, weil's frommt.
Und bist du ein Mundharmonikabläser
Und hast eine bei dir, dann spiel, was dir kommt.

Und lass deine Melodien lenken
Von dem freigegebenen Wolkengezupf.
Vergiss dich. Es soll dein Denken
Nicht weiter reichen als ein Grashüpferhupf.

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22 Jul 2019 07:57 #23944 von Kaninchen
Ludwig Heinrich Christoph Hölty

Der alte Landmann

Üb' immer Treu und Redlichkeit
Bis an dein kühles Grab,
Und weiche keinen Finge breit
Von Gottes Wegen ab!

Dann wirst du wie auf grünen Au'n
Durch's Pilgerleben gehn,
Dann kannst du ohne Furcht und Grau'n
Dem Tod in's Antlitz sehn.

Dann wird die Sichel und der Pflug
In deiner Hand so leicht;
Dann singest du bei'm Wasserkrug,
Als wär' dir Wein gereicht.

Dem Bösewicht wird alles schwer,
Er tue, was er tu';
Das Laster treibt ihn hin und her
Und lässt ihm keine Ruh',

Der schöne Frühling lacht ihm nicht,
Ihm lacht kein Ehrenfeld;
Er ist auf Lug und Trug erpicht
Und wünscht sich nichts als Geld.

Der Wind im Hain, das Laub im Baum
Saust ihm Entsetzen zu;
Er findet nach des Lebens Raum
Im Grabe keine Ruh'. -

Sohn, übe Treu' und Redlichkeit
Bis an dein kühles Grab,
Und weiche keinen Finger breit
Von Gottes Wegen ab!

Dann suchen Enkel deine Gruft
Und weinen Tränen drauf,
Und Sonnenblumen, voll von Duft,
Blühn aus den Tränen auf.

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23 Jul 2019 07:45 #23960 von Kaninchen


Die frühe Liebe

Schon im bunten Knabenkleide
Pflegten hübsche Mägdelein
Meine liebste Augenweide,
Mehr als Pupp' und Ball zu sein.
Ich vergaß der Vogelnester,
Warf mein Steckenpferd ins Gras,
Wenn am Baum bei meiner Schwester
Eine schöne Dirne saß.

Freute mich der muntern Dirne,
Ihres roten Wangenpaars,
Ihres Mundes, ihrer Stirne,
Ihres blonden Lockenhaars.
Blickt auf Busentuch und Mieder,
Hinterwärts gelehnt am Baum;
Streckte dann ins Gras mich nieder,
Dicht an ihres Kleides Saum.
Was ich weiland tat als Knabe,
Werd' ich wahrlich immer tun,
Bis ich werd' im kühlen Grabe
Neben meinen Vätern ruhn.

ludwig heinrich christoph hölty

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