Gedichte

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10 Jul 2020 07:23 #29777 von Kaninchen


In einem kühlen Grunde

In einem kühlen Grunde,
Da geht ein Mühlenrad,
Mein Liebchen ist verschwunden,
Das dort gewohnet hat.

Sie hat mir Treu' versprochen,
Gab mir ein' Ring dabei,
Sie hat die Treu' gebrochen,
Das Ringlein sprang entzwei.

Ich möcht' als Spielmann reisen
Wohl in die Welt hinaus
Und singen meine Weisen
Und geh' n von Haus zu Haus.

Ich möcht als Reiter fliegen
Wohl in die blutge Schlacht,
Um stille Feuer liegen
Im Feld bei dunkler Nacht.

Hör' ich das Mühlrad gehen,
Ich weiß nicht, was ich will;
Ich möcht' am liebsten sterben,
Da wär's auf einmal still.

Joseph von Eichendorff

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11 Jul 2020 08:11 #29799 von Kaninchen
Das dumme Kalb

Es war einmal ein dummes Kalb,
Doch frech und unbescheiden;
Der Esel und der Schafbock selbst
Versuchten es zu meiden.

Sie sagen oft mit viel Gespött
Und schimpflichen Gebärden:
"Du bist und bleibst ein dummes Kalb
Aus dir wird nie was werden!"

Sie haben gründlich sich blamiert
Mit ihren raschen Worten:
Das dumme Kalb ist später doch
Ein großer Ochs geworden!

Und als er einen Preis bekam
Beim großen Viehprämiieren,
Da kamen sie zuerst gerannt,
Um, ihm zu gratulieren!

Franz Josef Stritt
1831 - 1908
Dichter

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12 Jul 2020 08:26 #29812 von Kaninchen
Fabian und Bastian

"Nun, Bastian, wie geht es dir?
Du hast jetzt Zeitvertreib:
Mein alter Schatz, die rote Lies´
Die ist ja jetzt dein Weib!

Du bist halt reicher nun als ich,
Und hast auch mehr Verstand;
Drum ließ sie mich so schnell im Stich,
Und gab dir ihre Hand!

"Oh, Fabian, schweig vom Verstand!
Ich sag´s jetzt ohne Hehl:
Diesmal warst du ein schlauer Fuchs
Und ich war – ein Kamel!"

Franz Josef Stritt
1831 - 1908
Dichter

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13 Jul 2020 07:28 - 13 Jul 2020 07:29 #29826 von Kaninchen


An meinen Kaktus

Du alter Stachelkaks,
Du bist kein Bohnerwachs,
Kein Gewächs, das die Liebe sich pflückt,
Sondern du bist nur ein bißchen verrückt.

Ich weiß, daß du wenig trinkst.
Du hast auch keinerlei Duft.
Aber, ohne daß du selber stinkst,
Saugst du Stubenmief ein wie Tropenluft.

Du springst niemals Menschen an oder Vieh.
Wer aber mit Absicht oder versehentlich
Sich einmal auf dich
Setzte, vergißt dich nie.

Ein betrunkener, lachender Neger
Schenkte dich mir, du lustiges Kleines,
Daß ich den Vater ersetze dir kantigem Ableger
Eines verrückten, stets starren Stachelschweines.

Joachim Ringelnatz








Letzte Änderung: 13 Jul 2020 07:29 von Kaninchen.

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14 Jul 2020 07:37 - 14 Jul 2020 07:41 #29842 von Kaninchen
Das Kätzchen

Ein unerfahrenes Kätzchen sah
Zum ersten Mal den Mond in vollem Lichte prangen
Und sprach entzückt zum Großpapa:
"Sieh an der Decke dort den schönen Käse hängen.
Oh, hätten wir ihn doch!"

"Ei, lerne, blöder Fant",
versetzt der Großpapa,
"fürs erste Mäuse fangen,
Die sind uns näher bei der Hand."

Gottlieb Konrad Pfeffel
1736 - 1809)
deutscher Fabeldichter und Erzähler

Letzte Änderung: 14 Jul 2020 07:41 von Kaninchen.

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15 Jul 2020 07:25 #29855 von Kaninchen
Ode an die Stinkmorchel

Es gibt im Reich der Pilze
Formen und Farben viel.
Wie Schirme oder Keulen,
Oh Sammeln, frohes Spiel.

Der Steinpilz rührt zu Tränen
Mit nussigem Geschmack.
Dem Pfifferling zu Ehren
Ist heut ein Freudentag.

Den Parasol erbeutet!
Das freut des Sammlers Herz.
Und findet man das Kuhmaul,
vergißt man allen Schmerz.

Auch and're faszinieren,
Weil giftig oder scheu.
Wo Kraus die Glucke knistert,
Da fühlt man sich wie neu.

Und findet man den Kaiser
In einem stillen Tal
Da macht man einen Luftsprung
Und sagt: "Na, schau'mer mal"

Doch stinkend ist die Morchel
Man braucht sie nicht zu sehn
Gar mancher will sie meiden
Und einen Bogen gehen.

Dabei steht sie in Würde,
Wie aus dem Ei gepellt.
Ist aufrecht und gerade,
der schönste Pilz der Welt.

Ich find', sie ist ein Wunder
An Statik und Gestalt.
Der eine Trost, der bleibt ihr:
Fast immer wird sie alt!

Unbekannt

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