Gedichte
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27 Jul 2021 07:38 #37086
von Kaninchen
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28 Jul 2021 07:38 - 28 Jul 2021 07:40 #37101
von Kaninchen
Zwei Schwestern sah ich heut geschmückt,
Die zum Altare gingen,
Da hört' ich am Granatenbaum
Die spröde Dritte singen.
Sie sang: geplündert steht der Baum,
Die Äpfel sind gefallen,
Doch blieb am Ast, am höchsten Ast
Der süßeste von allen.
Wer pflücken ging, vergaß ihn wohl,
Den Apfel ohnegleichen;
Wer pflücken ging v er g a ß ihn nicht,
Er konnt' ihn nicht erreichen.
Emanuel Geibel
1815 - 1884 deutscher Lyriker und Dramatiker
Die zum Altare gingen,
Da hört' ich am Granatenbaum
Die spröde Dritte singen.
Sie sang: geplündert steht der Baum,
Die Äpfel sind gefallen,
Doch blieb am Ast, am höchsten Ast
Der süßeste von allen.
Wer pflücken ging, vergaß ihn wohl,
Den Apfel ohnegleichen;
Wer pflücken ging v er g a ß ihn nicht,
Er konnt' ihn nicht erreichen.
Emanuel Geibel
1815 - 1884 deutscher Lyriker und Dramatiker
Letzte Änderung: 28 Jul 2021 07:40 von Kaninchen.
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29 Jul 2021 07:32 #37119
von Kaninchen
Zäzilie
Zäzilie soll die Fenster putzen,
sich selbst zum Gram, jedoch dem Haus zum Nutzen.
Durch meine Fenster muss man, spricht die Frau,
so durchsehn können, dass man nicht genau
erkennen kann, ob dieser Fenster Glas
Glas oder bloße Luft ist. Merk dir das.
Zäzilie ringt mit allen Menschen-Waffen ...
Doch Ähnlichkeit mit Luft ist nicht zu schaffen.
Zuletzt ermannt sie sich mit einem Schrei –
und schlägt die Fenster allesamt entzwei !
Dann säubert sie die Rahmen von den Resten,
und ohne Zweifel ist es so am besten.
Sogar die Dame spricht, zunächst verdutzt:
So hat Zäzilie ja noch nie geputzt.
Doch alsobald ersieht man, was geschehn,
und spricht einstimmig: Diese Magd muss gehn.
Christian Morgenstern (1871 - 1914), deutscher Schriftsteller, Dramaturg, Journalist und Übersetzer
Zäzilie soll die Fenster putzen,
sich selbst zum Gram, jedoch dem Haus zum Nutzen.
Durch meine Fenster muss man, spricht die Frau,
so durchsehn können, dass man nicht genau
erkennen kann, ob dieser Fenster Glas
Glas oder bloße Luft ist. Merk dir das.
Zäzilie ringt mit allen Menschen-Waffen ...
Doch Ähnlichkeit mit Luft ist nicht zu schaffen.
Zuletzt ermannt sie sich mit einem Schrei –
und schlägt die Fenster allesamt entzwei !
Dann säubert sie die Rahmen von den Resten,
und ohne Zweifel ist es so am besten.
Sogar die Dame spricht, zunächst verdutzt:
So hat Zäzilie ja noch nie geputzt.
Doch alsobald ersieht man, was geschehn,
und spricht einstimmig: Diese Magd muss gehn.
Christian Morgenstern (1871 - 1914), deutscher Schriftsteller, Dramaturg, Journalist und Übersetzer
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30 Jul 2021 07:25 #37142
von Kaninchen
Wer nie vergisst
Man trägt einen Sarg die Straße entlang,
Zum Friedhofe führt der bittere Gang;
Und hinter der schwarzen Träger Schaar
Da wandert ein bleiches Mädchenpaar.
Es ist die Schwester, die liebende Braut
Von dem, der nimmer die Sonne mehr schaut;
Dann folget langsam das Mütterlein –
Gebeugten Hauptes geht sie allein.
Und als man den Sarg versenkt in die Gruft,
Die Braut mit thränenschwerer Stimme sie ruft:
"Geliebter, den trauriges Dunkel umhüllt,
Fest halt' ich auf ewig im Herzen Dein Bild!"
Laut meinet und jammert die Schwester und spricht:
"So lange ich lebe, vergeß' ich Dein nicht!"
Die Mutter starrt stumm, in die Grube hinab,
Zum Sohne, dem sie das Leben einst gab.
Sie wanken alsdann zum Städtchen hinein,
Die Mutter schreitet, wie früher, allein.
* * *
Ein Jahr ist entschwunden – die Hecke blüht,
Die zierend die Stätte des Todten umzieht.
Da wird in dem Städtchen die blühende Braut
Mit einem andern Manne getraut;
Es tönet und klinget im festlichen Glanz,
Es schwinget sich die Schwester im wirbelnden Tanz.
So schnell wie ein Schwur, ein Gedanke verfliegt,
Sind auch die Thränen der Mädchen versiegt,
Die Mutter allein sie wankt aus dem Haus
Noch täglich zum Grabe des Sohnes hinaus.
"Mein Liebling, dem leidend das Leben ich gab,
O, Alles umhüllet dies einsame Grab!"
So lange das Auge der Mutter nicht bricht,
So lange vergißt man den Todten auch nicht.
Franz Arnold Cöllen (1830 - 1860), deutscher (Reise-)Schriftsteller
Man trägt einen Sarg die Straße entlang,
Zum Friedhofe führt der bittere Gang;
Und hinter der schwarzen Träger Schaar
Da wandert ein bleiches Mädchenpaar.
Es ist die Schwester, die liebende Braut
Von dem, der nimmer die Sonne mehr schaut;
Dann folget langsam das Mütterlein –
Gebeugten Hauptes geht sie allein.
Und als man den Sarg versenkt in die Gruft,
Die Braut mit thränenschwerer Stimme sie ruft:
"Geliebter, den trauriges Dunkel umhüllt,
Fest halt' ich auf ewig im Herzen Dein Bild!"
Laut meinet und jammert die Schwester und spricht:
"So lange ich lebe, vergeß' ich Dein nicht!"
Die Mutter starrt stumm, in die Grube hinab,
Zum Sohne, dem sie das Leben einst gab.
Sie wanken alsdann zum Städtchen hinein,
Die Mutter schreitet, wie früher, allein.
* * *
Ein Jahr ist entschwunden – die Hecke blüht,
Die zierend die Stätte des Todten umzieht.
Da wird in dem Städtchen die blühende Braut
Mit einem andern Manne getraut;
Es tönet und klinget im festlichen Glanz,
Es schwinget sich die Schwester im wirbelnden Tanz.
So schnell wie ein Schwur, ein Gedanke verfliegt,
Sind auch die Thränen der Mädchen versiegt,
Die Mutter allein sie wankt aus dem Haus
Noch täglich zum Grabe des Sohnes hinaus.
"Mein Liebling, dem leidend das Leben ich gab,
O, Alles umhüllet dies einsame Grab!"
So lange das Auge der Mutter nicht bricht,
So lange vergißt man den Todten auch nicht.
Franz Arnold Cöllen (1830 - 1860), deutscher (Reise-)Schriftsteller
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31 Jul 2021 07:38 #37160
von Kaninchen
Jedem das Seine
Aninka tanzte
Vor uns im Grase
Die raschen Weisen.
Wie schön war sie !
Mit den gesenkten,
Bescheidnen Augen
Das stille Mädchen
Mich macht' es toll !
Da sprang ein Knöpfchen
Ihr von der Jacke,
Ein goldnes Knöpfchen,
Ich fing es auf
Und dachte Wunder
Was mir's bedeute,
Doch hämisch lächelt'
Jegór dazu,
Als wollt er sagen:
Mein ist das Jäckchen,
Und was es decket,
Mein ist das Mädchen,
Und dein – der Knopf !
Eduard Mörike
1804 - 1875
deutscher Erzähler, Lyriker und Dichter
Aninka tanzte
Vor uns im Grase
Die raschen Weisen.
Wie schön war sie !
Mit den gesenkten,
Bescheidnen Augen
Das stille Mädchen
Mich macht' es toll !
Da sprang ein Knöpfchen
Ihr von der Jacke,
Ein goldnes Knöpfchen,
Ich fing es auf
Und dachte Wunder
Was mir's bedeute,
Doch hämisch lächelt'
Jegór dazu,
Als wollt er sagen:
Mein ist das Jäckchen,
Und was es decket,
Mein ist das Mädchen,
Und dein – der Knopf !
Eduard Mörike
1804 - 1875
deutscher Erzähler, Lyriker und Dichter
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01 Aug 2021 08:02 #37176
von Kaninchen
Der Priem
Alle Rechte vorbehalten
Unter vielem Spucken zu singen
Es haben die Matrosen
wohl auf dem blauen Meer
nicht nur die weiten Hosen –
sie haben noch viel mehr.
Denn gibt es nichts zu rauchen,
weißt du, was sie da brauchen
bei Nacht und auch bei Tag?
Den Kautabak – den Kautabak –
ein kleines Stückchen Kautabak
von der Firma Eckenbrecht
aus Kiel.
Es heulen die Sirenen.
Die Braut in Tränen schwimmt.
Es schwimmt die Braut in Tränen,
wenn der Seemann Abschied nimmt.
Sie drücken sich die Hände;
dann gibt sie ihm am Ende
verschämt ein kleines Pack
mit Kautabak – mit Kautabak –
mit nem halben Pfündchen Kautabak
von der Firma Eckenbrecht
aus Kiel.
Da hinten liegt sein Kutter,
da hinten liegt sein Kahn.
Sie sagt, sie fühlt sich Mutter,
er sieht sie blöde an.
Er läßt sich von ihr kosen,
die Hände in den Hosen,
dann nimmt er einen Schlag
vom Kautabak – vom Kautabak –
ein kleines Stückchen Kautabak
von der Firma Eckenbrecht
aus Kiel.
Das Schiff fährt in den Hafen
wohl in Batavia.
Mit den Mädchen muß man schlafen,
wozu sind sie sonst da!
Die er geliebkost hatte,
liegt nackt auf einer Matte;
er holt aus seinem Pack
den Kautabak – den Kautabak –
ein kleines Stückchen Kautabak
von der Firma Eckenbrecht
aus Kiel.
Das Schiff tät nicht versaufen,
in Hamburg legt es an.
Marie mußt sich verkaufen
nachts auf der Reeperbahn.
Nun spürt der arme Junge
grad unter seiner Zunge
den bitteren Geschmack
vom Kautabak – vom Kautabak –
vom kleinen Stückchen Kautabak
von der Firma Eckenbrecht
aus Kiel.
Wie dem Seemann mit den Frauen,
uns gehts genau wie ihm.
Das Leben muß man kauen,
das Dasein ist ein Priem.
Es schmeckt dem Knecht und Ritter
mal süß und auch mal bitter . . .
Spuck ihn aus, wer ihn nicht mag !
Den Kautabak – den Kautabak –
das kleine Stückchen Kautabak
von der Firma Eckenbrecht
aus Kiel !
Kurt Tucholsky (1890 - 1935 (Freitod)), Pseudonyme: Kaspar Hauser, Peter Panter, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel; dt. Schriftsteller,
Alle Rechte vorbehalten
Unter vielem Spucken zu singen
Es haben die Matrosen
wohl auf dem blauen Meer
nicht nur die weiten Hosen –
sie haben noch viel mehr.
Denn gibt es nichts zu rauchen,
weißt du, was sie da brauchen
bei Nacht und auch bei Tag?
Den Kautabak – den Kautabak –
ein kleines Stückchen Kautabak
von der Firma Eckenbrecht
aus Kiel.
Es heulen die Sirenen.
Die Braut in Tränen schwimmt.
Es schwimmt die Braut in Tränen,
wenn der Seemann Abschied nimmt.
Sie drücken sich die Hände;
dann gibt sie ihm am Ende
verschämt ein kleines Pack
mit Kautabak – mit Kautabak –
mit nem halben Pfündchen Kautabak
von der Firma Eckenbrecht
aus Kiel.
Da hinten liegt sein Kutter,
da hinten liegt sein Kahn.
Sie sagt, sie fühlt sich Mutter,
er sieht sie blöde an.
Er läßt sich von ihr kosen,
die Hände in den Hosen,
dann nimmt er einen Schlag
vom Kautabak – vom Kautabak –
ein kleines Stückchen Kautabak
von der Firma Eckenbrecht
aus Kiel.
Das Schiff fährt in den Hafen
wohl in Batavia.
Mit den Mädchen muß man schlafen,
wozu sind sie sonst da!
Die er geliebkost hatte,
liegt nackt auf einer Matte;
er holt aus seinem Pack
den Kautabak – den Kautabak –
ein kleines Stückchen Kautabak
von der Firma Eckenbrecht
aus Kiel.
Das Schiff tät nicht versaufen,
in Hamburg legt es an.
Marie mußt sich verkaufen
nachts auf der Reeperbahn.
Nun spürt der arme Junge
grad unter seiner Zunge
den bitteren Geschmack
vom Kautabak – vom Kautabak –
vom kleinen Stückchen Kautabak
von der Firma Eckenbrecht
aus Kiel.
Wie dem Seemann mit den Frauen,
uns gehts genau wie ihm.
Das Leben muß man kauen,
das Dasein ist ein Priem.
Es schmeckt dem Knecht und Ritter
mal süß und auch mal bitter . . .
Spuck ihn aus, wer ihn nicht mag !
Den Kautabak – den Kautabak –
das kleine Stückchen Kautabak
von der Firma Eckenbrecht
aus Kiel !
Kurt Tucholsky (1890 - 1935 (Freitod)), Pseudonyme: Kaspar Hauser, Peter Panter, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel; dt. Schriftsteller,
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