Gedichte

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29 Jun 2021 07:08 #36582 von Kaninchen
Die Ordentliche

 


Das Erste, des Zäzilie beflissen,
ist dies: sie nimmt von Tisch und Stuhl die Bücher
und legt sie Stück auf Stück, wie Taschentücher,
jeweils nach bestem Wissen und Gewissen.

Desgleichen ordnet sie die Schreibereien,
die Hefte, Mappen, Bleis und Gänsekiele,
vor Augen nur das eine Ziel der Ziele,
dem Genius Ordnung das Gemach zu weihen.

Denn Sauberkeit ist zwar nicht ihre Stärke,
doch Ordnung, Ordnung ist ihr eingeboren.
Ein Scheuerweib ist nicht an ihr verloren.
Dafür ist Symmetrie in ihrem Werke.

Christian Morgenstern

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30 Jun 2021 07:33 #36603 von Kaninchen
Sei mir gegrüßt, mein Sauerkraut

Der Tisch war gedeckt. Hier fand ich
die altgermanische Küche.
Sei mir gegrüßt, mein Sauerkraut,
holdselig sind deine Gerüche.
Gestovte Kastanien im grünen Kohl,
so aß ich einst bei der Mutter!
Ihr heimischen Stockfische, seid mir gegrüßt,
wie schwimmt ihr klug in der Butter.
Jedwedem fühlenden Herz bleibt
das Vaterland ewig teuer.
Ich liebe auch recht braun geschmort
die Bücklinge und Eier.
Wie jauchzen die Würste in spritzendem Fett !
Die Krammtesvögel, die frommen
Englein mit Apfelmus,
die zwitschern mir: "Willkommen !"

Heinrich Heine
(1797 - 1856)

 

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01 Jul 2021 07:27 #36620 von Kaninchen
Der Vagabund

 


Staubig die Stiefel und schmutzig der Rock,
Darunter die Bluse zerrissen,
In den Händen den Knotenstock
Und mit leichtem Gewissen,
Frage mich keiner, warum ich mich so
Treibe umher auf den Straßen,
Ohne Gewerbe und ohne Geld,
Durstig über alle Maßen.

Liebeslust und Liebesverdruß
Habe sie beide erfahren,
Älter ward ich, doch klüger nicht,
Reicher allein an Jahren.
Ziehe ich nunmehr von Stadt zu Stadt,
Auf dem Rücken den Ranzen,
Acht ich das Lumpenpack
Mehr nicht als Ratten und Wanzen.

Eines doch hielt ich am Wege fest,
Was mir ein Schreiber verzählet,
Der ohne Amt mit Sack und Pack
Lange mit mir sich gequälet:
Lumpen, das sind die Menschen all,
Wie sie auf Erden wandern.
Offen sagt es der Vagabund,
Leise sagens die andern.

Friedrich von Hindersin
1858 - 1936
Pseudonym: Tiro F.
deutscher Jurist und Schriftsteller

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02 Jul 2021 07:24 #36635 von Kaninchen
Zwölf Freier möcht' ich haben, dann hätt' ich genug,
Wenn alle schön wären und alle nicht klug.
Einen, um vor mir herzulaufen,
Einen, um hinter mir drein zu schnaufen;
Einen, um mir Spaß zu machen,
Und einen, um darüber zu lachen;
Einen traurigen, den wollt' ich schon fröhlich herzen,
Einen lustigen, ich wollt' ihm vertreiben das Scherzen.
Einem, dem reicht' ich die rechte Hand,
Einem, dem gäb' ich die linke zum Pfand;
Einem, dem schenkt' ich ein freundlich Nicken,
Einem, dem gäb' ich ein holdes Blicken;
Noch einem, dem gäb' ich vielleicht einen Kuß,
Und dem letzten mich selber aus Überdruß.

Friedrich Rückert 
1788 - 1866
alias Freimund Raimar, deutscher Dichter, Lyriker und Übersetzer arabischer, hebräischer, indischer, persischer und chinesischer Dichtung

 

Quelle: Rückert, Gedichte. Liebesfrühling, entstanden 1821, Erstdruck 1834

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03 Jul 2021 07:52 #36649 von Kaninchen
Gleichgültigkeit

Als ich gestern lag in meinem Bette,
Klopfte es so gegen Mitternacht.
Meine Meinung war, es sei Jeanette,
Und natürlich hab' ich aufgemacht.
Leise kam es jetzt hereingeschlichen,
Setzte sich an meines Bettes Rand,
Hat mir über meinen Kopf gestrichen
Mit der ziemlich großen, dicken Hand.
Doch ich merkte bald an ihren Formen:
Dieses Weib ist ja Jeanette nicht,
Deren Hüften nicht von so enormem
Umfang sind und solchem Schwergewicht.
Trotzdem schwieg ich. Denn ich überlegte:
Nicht das Wer, das Wie kommt in Betracht,
Außerdem, die Absicht, die sie hegte,
War entschieden löblich ausgedacht.
Was bedeutet dieserhalb ein Name ?
In der Liebe ist das einerlei.
man verlangt nur, daß es eine Dame
Und von angenehmem Fleische sei.

Ludwig Thoma 
1867 - 1921
deutscher Erzähler, Dramatiker und Lyriker

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04 Jul 2021 07:59 #36668 von Kaninchen
Meine Sünde

Soll ich ergründen
Meine Sünden,
Ich fand sie kleine
Bis auf eine:
Ich hab' ein Weib viel, viel mehr gern
als den Himmel und Gott den Herrn.

Felix Dahn
1834 - 1912
deutscher Professor für Rechtswissenschaften, Schriftsteller und Historiker 

 

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