Gedichte

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05 Jul 2021 07:12 #36687 von Kaninchen
 

Sommerlied

Emanuel Geibel

O Sommerfrühe blau und hold!
Es trieft der Wald von Sonnengold,
In Blumen steht die Wiese;
Die Rosen blühen rot und weiß
Und durch die Felder wandelt leis'
Ein Hauch vom Paradiese.
Die ganze Welt ist Glanz und Freud,
Und bist du jung, so liebe heut
Und Rosen brich mit Wonnen!
Und wardst du alt, vergiß der Pein
Und lerne dich am Wiederschein
Des Glücks der Jugendsonnen.

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06 Jul 2021 07:08 #36704 von Kaninchen
Trennung

Ich steh bei meinen vielen Büchern;
Ich geh spazieren durch den Wald –
Und weiß dabei von keinem klügern,
Von keinem schönern Aufenthalt.

Ich sitz in meiner trauten Schenke,
Bei lieben Freunden und beim Wein,
Und weil ich just nicht an dich denke,
So glaub ich überfroh zu sein.

Da übermannt mich oft ein Sehnen,
Der Zufall hat mirs angetan,
Und mir entstürzen schier die Tränen,
Und bittre Wehmut faßt mich an.

Dann kann mich, ach, nur das erfreuen,
Daß gleicher Schmerz zu dir auch spricht,
Daß er sich täglich wird erneuen –
Und dennoch wünsch ich dir ihn nicht.

Ludwig Eichrodt
1827 - 1892
Pseudonym Rudolf Rodt,
deutscher Schriftsteller, seinen »Gedichten des schwäbischen Schullehrers Gottlieb Biedermeier und seines Freundes Horatius Treuherz« verdankt der Zeitstil seinen Namen ›Biedermeier‹

 







 

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07 Jul 2021 07:39 #36732 von Kaninchen
Zwiegespräch

"Du gabst mir immer wieder
Dein Herz und deine Lieder,
Ich nahm sie sorglos hin.
Nun muß ich dich betrüben:
Ich darf dich nicht mehr lieben,
Weil ich nicht dein mehr bin."

"Und liebst du einen andern,
Will ich ins Weite wandern,
Mir wird so enge hier.
Wie schmerzlich blüht der Flieder !
Mein Herz und meine Lieder,
Ich lasse sie bei dir."

Klabund (1890 - 1928), eigentlich Alfred Henschke, deutscher Schriftsteller, Übersetzer ostasiatischer Dichtkunst, Lyriker, Dramatiker und Komödienschreiber

 

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08 Jul 2021 07:40 #36749 von Kaninchen
Die Verschmähte

Komm ich längs der grünen Weide,
Wo die kleinen Lämmer grasen,
Immer hör ich mir zu Leide
Eine helle Flöte blasen.

Und da hockt er morgenmunter
Auf umbuschtem Erlensitze,
Bläst sein leichtes Lied herunter,
Sich, den Schafen und dem Spitze.

Geh ich zehnmal hin und wieder,
Wird er zehnmal mich nicht sehen;
Und doch leuchtet rot mein Mieder,
Und die hellen Röcke wehen.

Unerhörte Liebesnöte
Jeden Tag und jede Stunde.
Läg doch statt der dummen Flöte
Ich einmal an seinem Munde!

Doch er kann den Mund nur spitzen,
Wenn es gilt, die Flöte blasen;
Nichts kann ihm das Blut erhitzen,
Als wenn Lämmer abseits grasen.

Und in diesen Tölpel muß ich,
Dumme Liese, mich vergucken.
Ach, wie fühl nach seinem Kuß ich
Meine Lippen jucken !

Gustav Falke

(1853 - 1916), deutscher Lyriker und Kinderbuchautor

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09 Jul 2021 07:15 #36765 von Kaninchen
 Das Geisterschiff

Gustav Falke

Alle Schiffer kamen wieder,
Kay kam nicht.
Auf die Erde warf Meike sich nieder,
In den Sand das Gesicht.

Sie weinte und rang die weißen Arme:
Kay, komm, Kay!
Sie flehte und fluchte, daß Gott erbarme:
Kay, komm, Kay!

Da lief ein Schiff auf schwarzer Welle
Nachts an den Strand,
Da kam ihr toter Herzgeselle
Und nahm sie bei der Hand.

Sie fühlte es bis in die spitzen Zehen
Und bis in ihr blondes Haar.
Und Meike mußte mit ihm gehen
Und segeln immerdar.

 

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10 Jul 2021 07:38 #36778 von Kaninchen
Hast du die Schwäne gesehn ?
Sie trugen zu Neste.
Sie theilten
Treulich die Lust und die Last.
Sieben schon wurden aus zween.

Ludwig Gotthard Kosegarten 
1758 - 1818
deutscher Pastor, Professor und Dichter

 

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