Gedichte
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22 Dez 2018 07:44 #20711
von Kaninchen
Einsiedlers Heiliger Abend
Ich hab' in den Weihnachtstagen
Ich weiß auch warum -
Mir selbst einen Christbaum geschlagen,
Der ist ganz verkrüppelt und krumm.
Ich bohrte ein Loch in die Diele
Und steckte ihn da hinein
Und stellte rings um ihn viele
Flaschen Burgunderwein.
Und zierte, um Baumschmuck und Lichter
Zu sparen, ihn abends noch spät
Mit Löffeln, Gabeln und Trichter
Und anderem blanken Gerät.
Ich kochte zur heiligen Stunde
Mir Erbsensuppe mit Speck
Und gab meinem fröhlichen Hunde
Gulasch und litt seinen Dreck.
Und sang aus burgundernder Kehle
Das Pfannenflickerlied.
Und pries mit bewundernder Seele
Alles das, was ich mied.
Es glimmte petroleumbetrunken
Später der Lampendocht.
Ich saß in Gedanken versunken.
Da hat's an die Türe gepocht.
Und pochte wieder und wieder.
Es konnte das Christkind sein.
Und klang's nicht wie Weihnachtslieder!
Ich aber rief nicht: "Herein!"
Ich zog mich aus und ging leise
Zu Bett, ohne Angst, ohne Spott,
Und dankte auf krumme Weise
Lallend dem lieben Gott.
Joachim Ringelnatz
Einsiedlers Heiliger Abend
Ich hab' in den Weihnachtstagen
Ich weiß auch warum -
Mir selbst einen Christbaum geschlagen,
Der ist ganz verkrüppelt und krumm.
Ich bohrte ein Loch in die Diele
Und steckte ihn da hinein
Und stellte rings um ihn viele
Flaschen Burgunderwein.
Und zierte, um Baumschmuck und Lichter
Zu sparen, ihn abends noch spät
Mit Löffeln, Gabeln und Trichter
Und anderem blanken Gerät.
Ich kochte zur heiligen Stunde
Mir Erbsensuppe mit Speck
Und gab meinem fröhlichen Hunde
Gulasch und litt seinen Dreck.
Und sang aus burgundernder Kehle
Das Pfannenflickerlied.
Und pries mit bewundernder Seele
Alles das, was ich mied.
Es glimmte petroleumbetrunken
Später der Lampendocht.
Ich saß in Gedanken versunken.
Da hat's an die Türe gepocht.
Und pochte wieder und wieder.
Es konnte das Christkind sein.
Und klang's nicht wie Weihnachtslieder!
Ich aber rief nicht: "Herein!"
Ich zog mich aus und ging leise
Zu Bett, ohne Angst, ohne Spott,
Und dankte auf krumme Weise
Lallend dem lieben Gott.
Joachim Ringelnatz
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23 Dez 2018 08:45 #20729
von Kaninchen
Der Bratapfel
Volksgut aus Bayern
Kinder, kommt und ratet,
was im Ofen bratet!
Hört, wie's knallt und zischt.
Bald wird er aufgetischt,
der Zipfl, der Zapfl, der Kipfl,
der Kapfl, der gelbrote Apfel.
Kinder, lauft schneller,
holt einen Teller,
holt eine Gabel!
Sperrt auf den Schnabel
für den Zipfl, den Zapfl,
den Kipfl, den Kapfl,
den goldbraunen Apfel!
Sie pusten und prusten,
sie gucken und schlucken,
sie schnalzen und schmecken,
sie lecken und schlecken
den Zipfl, den Zapfl,
den Kipfl, den Kapfl,
den knusprigen Apfel.
Der Bratapfel
Volksgut aus Bayern
Kinder, kommt und ratet,
was im Ofen bratet!
Hört, wie's knallt und zischt.
Bald wird er aufgetischt,
der Zipfl, der Zapfl, der Kipfl,
der Kapfl, der gelbrote Apfel.
Kinder, lauft schneller,
holt einen Teller,
holt eine Gabel!
Sperrt auf den Schnabel
für den Zipfl, den Zapfl,
den Kipfl, den Kapfl,
den goldbraunen Apfel!
Sie pusten und prusten,
sie gucken und schlucken,
sie schnalzen und schmecken,
sie lecken und schlecken
den Zipfl, den Zapfl,
den Kipfl, den Kapfl,
den knusprigen Apfel.
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24 Dez 2018 08:11 #20752
von Kaninchen
Christkind im Walde
Christkind kam in den Winterwald,
der Schnee war weiß, der Schnee war kalt.
Doch als das heil'ge Kind erschien,
fing's an, im Winterwald zu blühn.
Christkindlein trat zum Apfelbaum,
erweckt ihn aus dem Wintertraum.
"Schenk Äpfel süß, schenk Äpfel zart,
schenk Äpfel mir von aller Art!"
Der Apfelbaum, er rüttelt sich,
der Apfelbaum, er schüttelt sich.
Da regnet's Äpfel ringsumher;
Christkindlein's Taschen wurden schwer.
Die süßen Früchte alle nahm's,
und so zu den Menschen kam's.
Nun, holde Mäulchen, kommt, verzehrt,
was euch Christkindlein hat beschert!
Ernst von Wildenbruch (1845-1909)
Christkind im Walde
Christkind kam in den Winterwald,
der Schnee war weiß, der Schnee war kalt.
Doch als das heil'ge Kind erschien,
fing's an, im Winterwald zu blühn.
Christkindlein trat zum Apfelbaum,
erweckt ihn aus dem Wintertraum.
"Schenk Äpfel süß, schenk Äpfel zart,
schenk Äpfel mir von aller Art!"
Der Apfelbaum, er rüttelt sich,
der Apfelbaum, er schüttelt sich.
Da regnet's Äpfel ringsumher;
Christkindlein's Taschen wurden schwer.
Die süßen Früchte alle nahm's,
und so zu den Menschen kam's.
Nun, holde Mäulchen, kommt, verzehrt,
was euch Christkindlein hat beschert!
Ernst von Wildenbruch (1845-1909)
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25 Dez 2018 09:46 #20767
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26 Dez 2018 09:07 #20792
von Kaninchen
Ach, armer Paul
Sass im Fegefeuer eine arme Seele,
Die nicht klagte ob der eignen Schmerzen,
Sondern unablässig seufzend rief sie
Einzig immer: "Paul, ach, armer Paul!"
Als vom Himmel nun ein lichter Engel
Niederschwebte, mildiglich zu trösten
Die so viel gequälten armen Seelen,
Blieb doch diese eine stets untröstlich,
Rief nur immer: "Paul ach, armer Paul!"
Und es fragte sie der Engel, liebreich
Kühlung hauchend in die Feuersflammen:
"Sprich, was fehlt dir liebe, arme Seele?"
Und sie sprach: "Ich liess zurück auf Erden
Meinen theuren guten Mann untröstlich.
Er verzehrt in Jammer sich und Klagen,
Einmal nur, ach, nur noch einmal’ möcht’ ich
Wiederkehren auf ein Viertelstündlein,
Trost zu bringen seinen wilden Schmerzen."
"Nun, wohlan, es sei!" so sprach der Engel,
"Aber tausend Jahre länger musst du
Dann in Fegefeuerflammen büssen."
"Gern, und wären’s hunderttausend Jahre"
Und der Engel löste nun die Ketten,
Nahm das Seelchen in die weissen Arme,
Flog mit ihm zur alten Erdenheimath.
Aber weh, du liebe arme Seele,
Weh, im Kreise wüster Zechgenossen
Und von einer Dirne Arm umschlungen
Fand sie jenen, den ihr Herz begehrte.
"Lieber guter Engel," sprach sie tonlos,
"Führe mich zurück ins Fegefeuer!"
Milde strahlte nun des Engels Antlitz:
"Mehr als tausend Jahre Feuersqualen
Hast du hier im Augenblick erduldet!"
Sprach’s und trug mit sanftem Arm sie aufwärts
Zu des Himmelreiches goldnen Höhn! -
Heinrich Seidel
Sass im Fegefeuer eine arme Seele,
Die nicht klagte ob der eignen Schmerzen,
Sondern unablässig seufzend rief sie
Einzig immer: "Paul, ach, armer Paul!"
Als vom Himmel nun ein lichter Engel
Niederschwebte, mildiglich zu trösten
Die so viel gequälten armen Seelen,
Blieb doch diese eine stets untröstlich,
Rief nur immer: "Paul ach, armer Paul!"
Und es fragte sie der Engel, liebreich
Kühlung hauchend in die Feuersflammen:
"Sprich, was fehlt dir liebe, arme Seele?"
Und sie sprach: "Ich liess zurück auf Erden
Meinen theuren guten Mann untröstlich.
Er verzehrt in Jammer sich und Klagen,
Einmal nur, ach, nur noch einmal’ möcht’ ich
Wiederkehren auf ein Viertelstündlein,
Trost zu bringen seinen wilden Schmerzen."
"Nun, wohlan, es sei!" so sprach der Engel,
"Aber tausend Jahre länger musst du
Dann in Fegefeuerflammen büssen."
"Gern, und wären’s hunderttausend Jahre"
Und der Engel löste nun die Ketten,
Nahm das Seelchen in die weissen Arme,
Flog mit ihm zur alten Erdenheimath.
Aber weh, du liebe arme Seele,
Weh, im Kreise wüster Zechgenossen
Und von einer Dirne Arm umschlungen
Fand sie jenen, den ihr Herz begehrte.
"Lieber guter Engel," sprach sie tonlos,
"Führe mich zurück ins Fegefeuer!"
Milde strahlte nun des Engels Antlitz:
"Mehr als tausend Jahre Feuersqualen
Hast du hier im Augenblick erduldet!"
Sprach’s und trug mit sanftem Arm sie aufwärts
Zu des Himmelreiches goldnen Höhn! -
Heinrich Seidel
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27 Dez 2018 08:22 #20811
von Kaninchen
Es wird mit Recht ein guter Braten
Gerechnet zu den guten Taten;
Und daß man ihn gehörig mache,
Ist weibliche Charaktersache.
Ein braves Mädchen braucht dazu
Mal, erstens, reine Seelenruh,
Daß bei Verwendung der Gewürze
Sie sich nicht hastig überstürze.
Dann, zweitens, braucht sie Sinnigkeit,
Ja, sozusagen Innigkeit,
Damit sie alles appetitlich,
Bald so, bald so und recht gemütlich
Begießen, drehn und wenden könne,
Daß an der Sache nichts verbrenne.
In summa braucht sie Herzensgüte,
Ein sanftes Sorgen im Gemüte,
Fast etwas Liebe insofern.
Für all die hübschen, edlen Herrn,
Die diesen Braten essen sollen
Und immer gern was Gutes wollen.
Ich weiß, daß hier ein jeder spricht:
»Ein böses Mädchen kann es nicht.«
Drum hab' ich mir auch stets gedacht
Zu Haus und anderwärts:
Wer einen guten Braten macht,
Hat auch ein gutes Herz.
Wilhelm Busch
Gerechnet zu den guten Taten;
Und daß man ihn gehörig mache,
Ist weibliche Charaktersache.
Ein braves Mädchen braucht dazu
Mal, erstens, reine Seelenruh,
Daß bei Verwendung der Gewürze
Sie sich nicht hastig überstürze.
Dann, zweitens, braucht sie Sinnigkeit,
Ja, sozusagen Innigkeit,
Damit sie alles appetitlich,
Bald so, bald so und recht gemütlich
Begießen, drehn und wenden könne,
Daß an der Sache nichts verbrenne.
In summa braucht sie Herzensgüte,
Ein sanftes Sorgen im Gemüte,
Fast etwas Liebe insofern.
Für all die hübschen, edlen Herrn,
Die diesen Braten essen sollen
Und immer gern was Gutes wollen.
Ich weiß, daß hier ein jeder spricht:
»Ein böses Mädchen kann es nicht.«
Drum hab' ich mir auch stets gedacht
Zu Haus und anderwärts:
Wer einen guten Braten macht,
Hat auch ein gutes Herz.
Wilhelm Busch
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