Gedichte
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09 Aug 2019 15:09 #24127
von Kaninchen
Heinrich Seidel: Neues Glockenspiel
V. EPIGRAMME UND HUMORISTISCHES.
DER STELZFUSS
Was dem Kutscher seine Pferde,
Was dem Schäfer seine Heerde,
Was dem Bauer seine Schwein',
Was dem Rentner seine Rente,
Dem Reporter seine Ente,
Was dem Arzte andrer Pein,
Was dem Pfarrer seine Pfründe,
Was dem Teufel ist die Sünde,
Was dem Winzer ist der Wein,
Was dem Wirth sind seine Gäste,
Was der Köchin sind die Reste,
Was der Blume Sonnenschein, –
Bist du mir, das du mich nährest,
Speise mir und Trank bescheerest!
Drum sollst du gesegnet sein –
Hurrah hoch! mein hölzern Bein! –
V. EPIGRAMME UND HUMORISTISCHES.
DER STELZFUSS
Was dem Kutscher seine Pferde,
Was dem Schäfer seine Heerde,
Was dem Bauer seine Schwein',
Was dem Rentner seine Rente,
Dem Reporter seine Ente,
Was dem Arzte andrer Pein,
Was dem Pfarrer seine Pfründe,
Was dem Teufel ist die Sünde,
Was dem Winzer ist der Wein,
Was dem Wirth sind seine Gäste,
Was der Köchin sind die Reste,
Was der Blume Sonnenschein, –
Bist du mir, das du mich nährest,
Speise mir und Trank bescheerest!
Drum sollst du gesegnet sein –
Hurrah hoch! mein hölzern Bein! –
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10 Aug 2019 07:52 #24133
von Kaninchen
Der Buntspecht
Der Städter:
„Mein sehr verehrter Herr Buntspecht,
was haben Sie sich da erfrecht?
Sie sehn zwar recht gefällig aus,
doch Ihr Betragen ist ein Graus!
Rings liegt der Boden voll von Splittern:
es muss den Freund des Waldes erbittern,
wie Sie’s da mit den Bäumen treiben!
Nun lassen Sie’s gefälligst bleiben!
Ein halber Stamm ist schon zerpickt,
Herr Specht, sind Sie vielleicht verrückt?“
Da spricht der Specht: „Potz tausend Wetter,
wer macht denn hier ein solch Gezeter?
Aha, es ist ein richt’ger Städter,
der von der Weisheit der Natur
hat eine schwache Ahnung nur.
Ich mach den halben Baum entzwei?
Mit dem war’s leider schon vorbei,
jedoch von innen, lieber Mann!
Ich packe ihn von außen an,
um zu den Würmern vorzudringen,
die ihn um alles Leben bringen
und ihre Gänge durch ihn ziehn.
Gott hat mir dieses Amt verliehn,
sieht mich mit wohlgefäll’gen Blicken
die Würmer aus dem Holze picken,
bevor sie und die schlimmen Maden
auch noch gesunden Bäumen schaden.
Ich klopfe alle Stämme ab,
und wo es hohl klingt, ruf ich „Schwapp’
und stoße zu. Mein buntes Kleid
ist Uniform der Waldhoheit!
Wie Ordnung in der Stadt sein muss,
so auch bei uns, mein Herr und
Schluss!“
Otto Nebelthau
Der Buntspecht
Der Städter:
„Mein sehr verehrter Herr Buntspecht,
was haben Sie sich da erfrecht?
Sie sehn zwar recht gefällig aus,
doch Ihr Betragen ist ein Graus!
Rings liegt der Boden voll von Splittern:
es muss den Freund des Waldes erbittern,
wie Sie’s da mit den Bäumen treiben!
Nun lassen Sie’s gefälligst bleiben!
Ein halber Stamm ist schon zerpickt,
Herr Specht, sind Sie vielleicht verrückt?“
Da spricht der Specht: „Potz tausend Wetter,
wer macht denn hier ein solch Gezeter?
Aha, es ist ein richt’ger Städter,
der von der Weisheit der Natur
hat eine schwache Ahnung nur.
Ich mach den halben Baum entzwei?
Mit dem war’s leider schon vorbei,
jedoch von innen, lieber Mann!
Ich packe ihn von außen an,
um zu den Würmern vorzudringen,
die ihn um alles Leben bringen
und ihre Gänge durch ihn ziehn.
Gott hat mir dieses Amt verliehn,
sieht mich mit wohlgefäll’gen Blicken
die Würmer aus dem Holze picken,
bevor sie und die schlimmen Maden
auch noch gesunden Bäumen schaden.
Ich klopfe alle Stämme ab,
und wo es hohl klingt, ruf ich „Schwapp’
und stoße zu. Mein buntes Kleid
ist Uniform der Waldhoheit!
Wie Ordnung in der Stadt sein muss,
so auch bei uns, mein Herr und
Schluss!“
Otto Nebelthau
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11 Aug 2019 07:56 #24139
von Kaninchen
Marienwürmchen
Achim von Arnim / Clemens Brentano
Marienwürmchen setze dich,
Auf meine Hand, auf meine Hand,
Ich thu dir nichts zu Leide.
Es soll dir nichts zu Leid geschehn,
Will nur deine bunten Flügel sehn,
Bunte Flügel, meine Freude.
Marienwürmchen fliege weg,
Dein Häuschen brennt, die Kinder schrein
So sehre, wie so sehre.
Die böse Spinne spinnt sie ein,
Marienwürmchen flieg hinein,
Deine Kinder schreien sehre.
Marienwürmchen fliege hin
Zu Nachbars Kind, zu Nachbars Kind,
Sie thun dir nichts zu Leide;
Es soll dir da kein Leid geschehn,
Sie wollen deine bunte Flügel sehn,
Und grüß sie alle beyde.
Marienwürmchen
Achim von Arnim / Clemens Brentano
Marienwürmchen setze dich,
Auf meine Hand, auf meine Hand,
Ich thu dir nichts zu Leide.
Es soll dir nichts zu Leid geschehn,
Will nur deine bunten Flügel sehn,
Bunte Flügel, meine Freude.
Marienwürmchen fliege weg,
Dein Häuschen brennt, die Kinder schrein
So sehre, wie so sehre.
Die böse Spinne spinnt sie ein,
Marienwürmchen flieg hinein,
Deine Kinder schreien sehre.
Marienwürmchen fliege hin
Zu Nachbars Kind, zu Nachbars Kind,
Sie thun dir nichts zu Leide;
Es soll dir da kein Leid geschehn,
Sie wollen deine bunte Flügel sehn,
Und grüß sie alle beyde.
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12 Aug 2019 07:58 #24151
von Kaninchen
Im August
Moorblüthe leuchtet im Purpurkleid,
Singende Bienen weit und breit.
Badende Kinder, sonnenbetaut,
Plätschern im Flusse mit jubelndem Laut.
All die Lerchen aus Rand und Band,
Wanderlieder durchklingen das Land.
Und vom Himmel das leuchtendste Stück
Blieb in den Blicken der Menschen zurück.
Carl Busse
Carl Hermann Busse wurde am 12. November 1872 geboren und starb am 3. Dezember 1918 in Berlin. Er war ein deutscher Lyriker, Literaturkritiker und Novellist.
Im August
Moorblüthe leuchtet im Purpurkleid,
Singende Bienen weit und breit.
Badende Kinder, sonnenbetaut,
Plätschern im Flusse mit jubelndem Laut.
All die Lerchen aus Rand und Band,
Wanderlieder durchklingen das Land.
Und vom Himmel das leuchtendste Stück
Blieb in den Blicken der Menschen zurück.
Carl Busse
Carl Hermann Busse wurde am 12. November 1872 geboren und starb am 3. Dezember 1918 in Berlin. Er war ein deutscher Lyriker, Literaturkritiker und Novellist.
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13 Aug 2019 07:29 - 13 Aug 2019 07:30 #24160
von Kaninchen
Großvater und der Storch
Gedicht von Adolf Ey
Ich halte meine Mittagsruh
Und hör' dabei den Enkeln zu.
Die tollen ohne einen Schimmer
Von Schonung in dem Nebenzimmer;
Doch wie ich endlich ihnen will
Den Lärm verbieten, wird es still,
Und Maust sagt: „Der Storch bracht' gestern
Nebenan zwei kleine Schwestern."
„Der Storch?" lacht da im Kennerton
Meiner Tochter ältster Sohn.
„Der Klapperstorch kann Frösche schlingen;
Doch Kinder kann er keine bringen."
„Wer tut es denn?" ruft Mausi da.
„Das weiß doch besser die Mama.
Die muß es ja viel besser wissen;
Er hat sie doch ins Bein gebissen."
„Ja, Maust, sieh, das sagt sie dir;
Doch Großpapa, der sagte mir..."
„Was sagt denn der?" — „Ja, was er sagte?
Wie gestern nach dem Storch ich fragte,
Da nahm er mich zu meinem Beet.
Guck, sagt er, wie der Mais da steht,
Den wir im Frühling erst gesät,
War klein und ist nun groß wie du.
So geht's auch bei den Kindern zu.
Der Storch bringt keine Kinder!" — „Was?
Der Großpapa, der sagte das?
Ich glaube, Großpapa, der sohlt.
Der Storch ist's, der die Kinder holt!"
Die Sache war damit erledigt,
Und nur mein Ruf war arg beschädigt.
Gedicht von Adolf Ey
Ich halte meine Mittagsruh
Und hör' dabei den Enkeln zu.
Die tollen ohne einen Schimmer
Von Schonung in dem Nebenzimmer;
Doch wie ich endlich ihnen will
Den Lärm verbieten, wird es still,
Und Maust sagt: „Der Storch bracht' gestern
Nebenan zwei kleine Schwestern."
„Der Storch?" lacht da im Kennerton
Meiner Tochter ältster Sohn.
„Der Klapperstorch kann Frösche schlingen;
Doch Kinder kann er keine bringen."
„Wer tut es denn?" ruft Mausi da.
„Das weiß doch besser die Mama.
Die muß es ja viel besser wissen;
Er hat sie doch ins Bein gebissen."
„Ja, Maust, sieh, das sagt sie dir;
Doch Großpapa, der sagte mir..."
„Was sagt denn der?" — „Ja, was er sagte?
Wie gestern nach dem Storch ich fragte,
Da nahm er mich zu meinem Beet.
Guck, sagt er, wie der Mais da steht,
Den wir im Frühling erst gesät,
War klein und ist nun groß wie du.
So geht's auch bei den Kindern zu.
Der Storch bringt keine Kinder!" — „Was?
Der Großpapa, der sagte das?
Ich glaube, Großpapa, der sohlt.
Der Storch ist's, der die Kinder holt!"
Die Sache war damit erledigt,
Und nur mein Ruf war arg beschädigt.
Letzte Änderung: 13 Aug 2019 07:30 von Kaninchen.
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14 Aug 2019 07:35 - 14 Aug 2019 08:13 #24166
von Kaninchen
Mein Diebstahl
Durch Tränen seh ich das Kerlchen noch,
Wies durch die Lück im Zaune kroch.
Fünfjährig war das kleine Ding,
Das Hemd ihm noch durchs Höschen hing.
Es sah sich um so scheu, verlegen;
Gewiß, es war auf bösen Wegen.
Im Nachbarhof schlichs auf den Zehn,
Und dann erschraks, blieb stille stehn
Und wandte sich, als wollts von hinnen.
In seiner Brust das Herzchen drinnen,
Das schlug! Ihm wars, als ob es schlief,
Und Mutter seinen Namen rief,
Und rings herum ein solch Geraune!
Zurück wollt es zum Gartenzaune,
Da hobs die Augen auf und sah
Drei schritt vor sich zum Greifen nah,
Im Fenster, für den Knirps bequem...
O wenn doch jetzt noch jemand käm!
O will sich keiner denn des armen
Kleinen unselgen Jungen erbarmen?
Er hat so viel, selbst in der Nacht,
An das Ruppiner Bild gedacht:
Ein Reiter war es hoch zu Pferd,
Kakelbunt, keinen Dreier wert.
Ihm schiens das Schönste auf der Erden,
Und darum nun ein Dieb zu werden?
Ein Seufzer noch, dann griff er zu
Und war durch den Zaun zurück im Nu...
Das schöne Bild! Er wollts besehen.
O Gott, was war denn nur geschehen?
Es bebten die Händchen dem kleinen Wicht,
Und dieses erschrockene Kindergesicht!
Er faßte sich verwirrt ans Köpfchen.
„Ja, nicht einmal ein Stecknadelknöpfchen
Darfst du nehmen. Mit Kleinem beginnt,
Wer am Galgen endet, mein Kind!"
Hatte nicht so die Mutter gesprochen?
Scheu ist er in den Stall gekrochen.
Wollte nicht spielen noch essen gehn;
Sie hätten es ihm ja angesehn.
Konnt keinem mehr ins Auge blicken.
Es war, als wollt ihn was ersticken,
Und wie er sich auch im Stall verkroch,
Da oben der, der sah ihn doch.
Wie schluchzte nachts er in sein Kissen! ...
Ja, so ein Kind hat ein Gewissen,
Und selbst die Mutter ahnt es kaum...
Noch immer kommt der Kindertraum
Qualvoll wie einst auf leisen Sohlen...
Seitdem hab ich nie wieder gestohlen.
Adolf Ey
Aus der Sammlung "Von kleinen und von großen Menschen"
Mein Diebstahl
Durch Tränen seh ich das Kerlchen noch,
Wies durch die Lück im Zaune kroch.
Fünfjährig war das kleine Ding,
Das Hemd ihm noch durchs Höschen hing.
Es sah sich um so scheu, verlegen;
Gewiß, es war auf bösen Wegen.
Im Nachbarhof schlichs auf den Zehn,
Und dann erschraks, blieb stille stehn
Und wandte sich, als wollts von hinnen.
In seiner Brust das Herzchen drinnen,
Das schlug! Ihm wars, als ob es schlief,
Und Mutter seinen Namen rief,
Und rings herum ein solch Geraune!
Zurück wollt es zum Gartenzaune,
Da hobs die Augen auf und sah
Drei schritt vor sich zum Greifen nah,
Im Fenster, für den Knirps bequem...
O wenn doch jetzt noch jemand käm!
O will sich keiner denn des armen
Kleinen unselgen Jungen erbarmen?
Er hat so viel, selbst in der Nacht,
An das Ruppiner Bild gedacht:
Ein Reiter war es hoch zu Pferd,
Kakelbunt, keinen Dreier wert.
Ihm schiens das Schönste auf der Erden,
Und darum nun ein Dieb zu werden?
Ein Seufzer noch, dann griff er zu
Und war durch den Zaun zurück im Nu...
Das schöne Bild! Er wollts besehen.
O Gott, was war denn nur geschehen?
Es bebten die Händchen dem kleinen Wicht,
Und dieses erschrockene Kindergesicht!
Er faßte sich verwirrt ans Köpfchen.
„Ja, nicht einmal ein Stecknadelknöpfchen
Darfst du nehmen. Mit Kleinem beginnt,
Wer am Galgen endet, mein Kind!"
Hatte nicht so die Mutter gesprochen?
Scheu ist er in den Stall gekrochen.
Wollte nicht spielen noch essen gehn;
Sie hätten es ihm ja angesehn.
Konnt keinem mehr ins Auge blicken.
Es war, als wollt ihn was ersticken,
Und wie er sich auch im Stall verkroch,
Da oben der, der sah ihn doch.
Wie schluchzte nachts er in sein Kissen! ...
Ja, so ein Kind hat ein Gewissen,
Und selbst die Mutter ahnt es kaum...
Noch immer kommt der Kindertraum
Qualvoll wie einst auf leisen Sohlen...
Seitdem hab ich nie wieder gestohlen.
Adolf Ey
Aus der Sammlung "Von kleinen und von großen Menschen"
Letzte Änderung: 14 Aug 2019 08:13 von Feschtbrueder. Grund: Korr. Forencode
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