Gedichte

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24 Apr 2021 07:42 #35304 von Kaninchen
Es ist das Glück ein flüchtig Ding,
Und war's zu allen Tagen;
Und jagtest du um der Erde Ring,
Du möchtest es nicht erjagen.

Leg' dich lieber ins Gras voll Duft
Und singe deine Lieder;
Plötzlich vielleicht aus blauer Luft
Fällt es auf dich hernieder.

Aber dann pack' es und halt' es fest
Und plaudre nicht viel dazwischen;
Wenn du zu lang' es warten läßt,
Möcht' es dir wieder entwischen.

Emanuel Geibel
1815 - 1884
deutscher Lyriker und Dramatiker

 

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25 Apr 2021 08:10 #35313 von Kaninchen
Der Vulkan Tjikorai auf Java

An den Tjikorai

Du Berg, der hin zum Äther zieht,
Des Gipfel über die Zeiten sieht,
Du Ewiger, der nicht altern kann,
Die Jahre reichen nicht an dich heran.
Und die Jahrhunderte du kaum fühlst,
Wenn du die Stirn im Weltraum kühlst.
Du lebtest, als der erste Mann
Das erste Frauenherz sich gewann.
Du lebst noch, wenn einst das letzte Paar
Hinstirbt im letzten Menschenjahr.
Wie wichtig sind mir doch meine Sorgen.
Wie wichtig das Gestern, Heute und Morgen.
Du lehrst weit über die Tage zu schauen,
Du lehrst, dem Ewigen zu vertrauen.

aus: Lieder der Trennung

Max Dauthendey (* als Maximilian Albert Dauthendey am 25. Juli 1867 in Würzburg; † 29. August 1918 in Malang auf Java) war ein deutscher Dichter und Maler.

 

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26 Apr 2021 09:01 #35332 von Kaninchen
Der Morgen weht mit zarten Lüften,
Und spielt mit Gras und Blatt und Blüt',
Und haucht aus tausend süßen Düften
Erinnerung in mein Gemüt.

Wie bald verweht des Lebens Morgen !
Kein Frühling macht uns wieder jung.
Was bleibt uns zwischen Pein und Sorgen
Als du – als du, Erinnerung ?

Momente kommen gut und herzlich,
Und man vergißt das schlimme Jahr,
Ach, man gedenkt entzückend-schmerzlich
Der Stunden, die man glücklich war.

Das Leben ist ein Kranz von Blüten,
Tief zwischen Dornen eingewebt,
Nur die erringen, die sich mühten,
Nur wer geweint hat, hat gelebt.

 


Ernst von Feuchtersleben (1806 - 1849), Ernst Maria Johann Karl Freiherr von Feuchtersleben, österreichischer Arzt, Lyriker und Essayist, prägte den Begriff der „Psychose“ in der medizinischen Literatur und gilt als Mitbegründer der Psychosomatischen Medizin

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27 Apr 2021 07:51 #35346 von Kaninchen
An ihn von ihr

Mit Muth hab ichs ertragen,
Und habe kaum geweint –
In gut und bösen Tagen
Warst du mein bester Freund !

Nun soll ich dich vermissen,
Du bist von mir so fern –
In allen Kümmernissen
Warst du mein treuer Stern !

Du bist hinweg gegangen
Wohl übers weite Meer –
Doch kenn ich dein Verlangen,
Es zieht zu uns dich her !

O hätt ich, Freund, dich wieder,
An meiner Hand und Brust –
Ich sänge Freudenlieder,
Wie ich sie nie gewußt !

Ludwig Eichrodt
(1827 - 1892)
Pseudonym Rudolf Rodt, deutscher Schriftsteller, seinen »Gedichten des schwäbischen Schullehrers Gottlieb Biedermeierund seines Freundes Horatius Treuherz« verdankt der Zeitstil seinen Namen ›Biedermeier‹

 

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28 Apr 2021 07:49 #35355 von Kaninchen
Hölty, Ludwig
1748-1776

Frühlingslied

Die Luft ist blau, das Tal ist grün,
Die kleinen Maienglocken blühn,
Und Schlüsselblumen drunter;
Der Wiesengrund
Ist schon so bunt,
Und malt sich täglich bunter.

Drum komme, wem der Mai gefällt,
Und schaue froh die schöne Welt
Und Gottes Vatergüte,
Die solche Pracht
Hervorgebracht,
Den Baum und seine Blüte !

   

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29 Apr 2021 07:29 #35384 von Kaninchen
Vorsatz

Den flüchtigen Tagen
Wehrt keine Gewalt;
Die Räder am Wagen
Entfliehn nicht so bald.

Wie Blitze verfliegen,
So sind sie dahin,
Ich will mich vergnügen,
Solang ich noch bin !

Johann Wilhelm Ludwig Gleim
(1719 - 1803)
genannt »Vater Gleim«, deutscher Anakreonitiker

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