Gedichte

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10 Mai 2021 07:20 #35624 von Kaninchen
 


Es hält der Zug, ich steige ein.
Es sitzt im Abteil schon ein Mann.
Wir sehn uns beide prüfend an:
Was für ein Mensch magst du wohl sein ?

Gespräch, Erzählung: fremd Geschick;
Es schwillt mein Herz in Mitgefühl.
Da pfeifts; es hält der Zug, und kühl
Erheb´ ich mich im Augenblick.

Paul Ernst
(1866 - 1933),
deutscher Essayist, Novellist, Dramaturg, Versepiker

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11 Mai 2021 07:27 #35638 von Kaninchen
Der Narr

Er war nicht unbegabt. Die Geisteskräfte
Genügten für die laufenden Geschäfte.
Nur hat er die Marotte,
Er sei der Papst. Dies sagt er oft und gern
Für jedermann zum Ärgernis und Spotte,
Bis sie zuletzt ins Narrenhaus ihn sperr'n.

Ein guter Freund, der ihn daselbst besuchte,
Fand ihn höchst aufgeregt. Er fluchte:
Zum Kuckuck, das ist doch zu dumm.
Ich soll ein Narr sein und weiß nicht warum.

Ja, sprach der Freund, so sind die Leute.
Man hat an einem Papst genug.
Du bist der zweite.
Das eben kann man nicht vertragen.
Hör zu, ich will dir mal was sagen:
Wer schweigt, ist klug.

Der Narr verstummt, als ob er überlege.
Der gute Freund ging leise seiner Wege.

Und schau, nach vierzehn Tagen grade
Da traf er ihn schon auf der Promenade.

Ei, rief der Freund, wo kommst du her ?
Bist du denn jetzt der Papst nicht mehr ?

Freund, sprach der Narr und lächelt schlau,
Du scheinst zur Neugier sehr geneigt.
Das, was wir sind, weiß ich genau.
Wir alle haben unsern Sparren,
Doch sagen tun es nur die Narren.
Der Weise schweigt.

Wilhelm Busch

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12 Mai 2021 07:23 #35662 von Kaninchen
 

Liebesklage

Weidenbaum, dir will ich's sagen,
Weidenbaum, dir will ich's klagen,
lieblich ist die Maienzeit,
doch ich trage Herzeleid.

Weidenbaum, du sollst es hören,
dass er nie wird wiederkehren,
schön und lustig ist der Mai,
doch mein Glück, das ist vorbei.

Weidenbaum, du sollst es wissen,
nie wird er mich wieder küssen,
wieder kehrt die Maienzeit,
doch sie bringt mir neues Leid.

Weidenbaum, wenn sie dich fragen,
Weidenbaum, dann sollst du sagen,
wen betrogen hat der Mai,
dessen Frühling ist vorbei.

Hermann Löns
1866 - 1914
deutscher Naturforscher, Tierschilderer, Heide- und Liederdichter

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13 Mai 2021 07:43 #35677 von Kaninchen
Das Schwarzbrot

Ein Päckchen von der Mutter ! Und darin,
Wie achtlos beigelegt, von grobem Schrot:
Ein Stück heimatliches Roggenbrot.
Tat sie das wohl mit einem tiefern Sinn ?

Ich riech das Brot. Nach Heimat duftet es.
Dies Korn ward in der Heimaterde reif,
Ich kenn den Duft. Ich sinne und begreif':
Sie will, dass ich die Heimat nicht vergess'.

Ich schließ' die Augen, führ' das Brot zum Mund
Und kost' davon. Es schmeckt so gut und mild.
Und plötzlich mir im Mund der Bissen quillt
O Mutterherz, o Heimatgrund !

Dies Stückchen Schwarbrot führt mich heut nach Haus.
Ich seh' das Land. Der Roggen rauscht im Wind.
S' ist alles, wie es war. Ich bin ein Kind
Und ruh' am Heimatherzen wieder aus.

Maurice Reinhold von Stern
1860 - 1938
österreichischer Schriftsteller und Journalist

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14 Mai 2021 07:27 - 14 Mai 2021 07:38 #35695 von Kaninchen
Wir und sie

Zwar meinen die Heuchler und Frommen,
Und ziehen ein scheel Gesicht,
Daß sie in den Himmel kommen,
Wir aber nicht.

Wir sind mit dem Diesseits zufrieden,
Ich und mein reizend Kind,
Und freun uns, daß wir hinieden
Schon selig sind.

Denn möchten wir einst erhalten
Im Himmel den schönsten Ort,
Und erschienen die Frömmlergestalten;
Wir zögen fort.

 

Heinrich Leuthold
1827 - 1879
Schweizer Dichter und Epiker
Letzte Änderung: 14 Mai 2021 07:38 von Kaninchen.

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15 Mai 2021 08:02 #35716 von Kaninchen
 

A scharfer Zeugn

Bei Gericht, da hams zum Zeugn gsagt:
"Du wars dabei !
Jetzt sags, wenn hast an Hans begegnet ?"
"Um halbe drei."

"Kunnts nit dreiviertel gwesen sein ?
So sags nur frei !
Auf döst kimmt jetzt das Ganze an !" –
"Um halbe drei !"

"Ja, geht dei Uhr denn so akkrat ?
So bsinn die nur !"
"Ja", sagt der Zeugn, "akkrat gehts nit,
i han koa Uhr !

Mir hat mei Lebtag neamand nie
no koane gschenkt."
"Wie woaßt denn na, daß's halbe war ?"
"I hab mirs – denkt !"

Karl Stieler
1842 - 1885
deutscher Jurist und Schriftsteller

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