Gedichte

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26 Mai 2021 07:56 #35941 von Kaninchen
 

Unentschlossen

Kerzenglanz und weiße Lilien
machen meine Tafel hell.
Perlt der Wein in den Kristallen,
kreisen meine Augen schnell.

Meine schönen Mädchen schälen
Obst mit schlanker, weißer Hand.
Ihre jungen Augen leuchten;
jeder sei ein Blick gesandt.

Möcht dem Sommervogel gleichen,
der um alle Blüten spielt,
möchte gar zu gerne wissen,
woher Amor Pfeile zielt.

Alfred Walter Heymel
1878-1914
deutscher Schriftsteller

 

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27 Mai 2021 07:34 #35954 von Kaninchen
Pflicht zu verliebten Gesprächen

In den lauten Nachtigallen
Lockt und schlägt und jauchzt die Liebe;
In der Lerche unterm Himmel
Lobt und tiriliert die Liebe;
In dem Enter auf dem Wasser
Schwimmt und schnattert nichts als Liebe;
In den Schwalben unterm Dache
Zwitschert, baut und spricht die Liebe;
In den Spatzen vor dem Fenster
Lauscht und ruft und hüpft die Liebe;
In dem Täuber, in der Taube
Girrt und lockt und lacht die Liebe;
In den Tönen meiner Laute
Klingt und lobt und scherzt die Liebe;
In dem Kind auf meinem Schoße
Hüpft und scherzt und singt die Liebe:
Alles Wild in freiem Felde,
Alle Vögel unterm Himmel,
Haben Stimmen zu der Liebe;
Alles scherzt und spricht vom Lieben;
Soll ich denn davon nicht sprechen ?

Johann Wilhelm Ludwig Gleim
1719 - 1803
genannt »Vater Gleim«
deutscher Anakreonitiker, Epigramm- und Fabeldichter

 

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28 Mai 2021 07:26 #35973 von Kaninchen
PERSON OHNE ICH

 von Albert Emil Brachvogel

Hast Du kaum vom Mutterschooße
Recht im Dasein Fuß gefaßt,
Wird alsbald dir ohn’ Erbarmen
Andres Wesen angepaßt.

Affenliebe, oder rüde
Stockphilistertyrannei
Bricht den freien Geist und Willen,
Ach dein schönstes Selbst, entzwei !

Eltern, Tanten Gouvernanten,
Alles an dir renkt und rückt,
Bis Gewohnheit, Qual und Schmerz dir
Allen Lebensmuth geknickt;

Wirst dich selber, deine Triebe,
Zu erkennen, schnell entwöhnt,
Bis du mit der Narrenschelle
Und der Kette dich versöhnt,


Wirst, da du dich nimmer in Dir
Findest, nie des Lebens froh,
Zeugst du endlich selber Kinder, –
Machst du’s ihnen ebenso !

Bis zum Bett und in den Teller,
Weiter reicht der Blick nie aus,
Alle Wünsche gehen schlafen,
Ist nur Geld und Brot im Haus;

Bist du endlich alt geworden
Und den Kindern recht zur Last,
Gehst du in das Wesenlose,
Fast, – wie du’s verlassen hast.

Ueber deinem Grabe freuen
Erb’ und Stolataxe sich, –
Zwar Person bist du gewesen, –
Aber nimmermehr ein Ich 

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29 Mai 2021 07:39 #35994 von Kaninchen
Der Weise

Von allen Freuden abgeschieden,
Mit Wasser und mit Brot zufrieden,
Lebt dort Arist vergnügt allein.
Und man verleibet ihn den Reih´n
Der Weisen unsrer Zeiten ein.

Von ihm bin ich nicht unterschieden.
Ich lebe so wie er zufrieden, 
Doch nur bei Freunden, Mädchen, Wein :
Warum verleibt man mich den Reih´n
Der Weisen unsrer Zeit nicht ein ?

Christian Felix Weisse
1725 - 1804
deutscher Schriftsteller

 

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30 Mai 2021 08:10 #36015 von Kaninchen
Ein Traum

Ich sah dich vor der Himmelstür
Im Traume einsam stehen.
"Willst du denn mit den andern hier
Nicht in den Himmel gehen ?"

"Der Herr schaut alle Herzen an"
,Tönt dir´s vom Mund, dem blassen.
"Und ich hab´, du geliebter Mann,
Mein Herz bei dir gelassen !"

 

Josef Friedrich Leusser (1860 - 1939), deutscher Arzt und Dichter

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31 Mai 2021 07:32 #36038 von Kaninchen
Gereimte Parabel

Jüngst traf ich einen alten Mann
Und hub ihm vorzusingen an,
Doch an den Mienen des Gesichts
Bemerkt' ich bald, er höre nichts.
Da dachte ich: der Greis ist taub,
Drum wird dein Lied des Windes Raub,
So tu' ihm denn, nicht durch den Mund,
Durch Zeichen dies und jenes kund.
Ich tat's, doch ward mir leider klar,
Daß er auch schon erblindet war,
Denn, wie der Frosch aus seinem Sumpf,
Hervorglotzt, sah er dumpf und stumpf,
Und ungestört in seiner Ruh',
Der Sprache meiner Finger zu.
Ich rief: mit dem steht's schlimm genug,
Doch mögt' ich ihm den letzten Zug
Noch gönnen aus dem Lebensquell !
Da reicht' ich ihm die Rose schnell,
Die ich für meine Braut gepflückt,
Allein auch das ist schlecht geglückt,
Ihm schien der Duft nicht mehr zu sein,
Wie einem Gartengott von Stein.
Nunmehr verlor ich die Geduld,
Ich dacht' an meines Mädchens Huld,
Die mir so schmählig jetzt entging,
Da sie die Rose nicht empfing,
Und jagte ihm im ersten Zorn
In's dicke Fell den scharfen Dorn;
Doch bracht' auch dies ihm wenig Not,
Er zuckte nicht, er – war wohl tot !

Friedrich Hebbel
1813 - 1863
deutscher Dramatiker und Lyriker

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