Gedichte
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17 Jun 2021 07:13 #36373
von Kaninchen
Der Schwan und die Ente.
Ein edler Schwan, so weiß wie Schnee,
Bereiste seinen Strom, die Spree,
Mit ausgespannetem Gefieder.
Ein' Ente schwamm ihm nach: »Gevatter ! Vetter Schwan !
Fing sie sogleich zu schnattern an:
»Singt ihr denn keine Lieder ?
Ihr schweigt, ich weiß in Wahrheit nicht warum ?
Seyd ihr denn etwa stumm ?«
»Frau Ent'«, antwortete der Schwan,
»Weil wie die Nachtigall ich doch nicht singen kann,
So schweig' ich lieber,
Und wund're mich darüber,
Daß ihr mit eurem Schnatterton
Nicht schweigt ! Bekommt ihr Lohn ?
Ihr singt, ich weiß in Wahrheit nicht warum ?
Seyd ihr denn etwa dumm ?
»Was?« sprach die Ente, »dumm wär' ich ?
Bekümm're dich um dich !«
Sie schnatterte viel Schimpf;
Der Schwan sprach nicht ein Wort,
Und setzte seine Reise fort !
Johann Wilhelm Ludwig Gleim
Ein edler Schwan, so weiß wie Schnee,
Bereiste seinen Strom, die Spree,
Mit ausgespannetem Gefieder.
Ein' Ente schwamm ihm nach: »Gevatter ! Vetter Schwan !
Fing sie sogleich zu schnattern an:
»Singt ihr denn keine Lieder ?
Ihr schweigt, ich weiß in Wahrheit nicht warum ?
Seyd ihr denn etwa stumm ?«
»Frau Ent'«, antwortete der Schwan,
»Weil wie die Nachtigall ich doch nicht singen kann,
So schweig' ich lieber,
Und wund're mich darüber,
Daß ihr mit eurem Schnatterton
Nicht schweigt ! Bekommt ihr Lohn ?
Ihr singt, ich weiß in Wahrheit nicht warum ?
Seyd ihr denn etwa dumm ?
»Was?« sprach die Ente, »dumm wär' ich ?
Bekümm're dich um dich !«
Sie schnatterte viel Schimpf;
Der Schwan sprach nicht ein Wort,
Und setzte seine Reise fort !
Johann Wilhelm Ludwig Gleim
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18 Jun 2021 07:11 #36391
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19 Jun 2021 07:34 #36416
von Kaninchen
Die Eiche und der Kürbiß.
Sohn, mit Weisheit und Verstand
Ordnete des Schöpfers Hand
Alle Dinge. Sieh' umher !
Keines steht von ohngefähr,
Wo es steht ! Das Firmament,
Wo die große Sonne brennt,
Und der kleinste Sonnenstaub,
Deines Athems leichter Raub,
Trat, auf unsers Gottes Wort,
Jegliches an seinen Ort.
Jedes Ding in seiner Welt
Ist vollkommen; dennoch hält
Mancher Thor es nicht dafür,
Und kunstrichtet Gott in ihr !
Solch ein Thor war jener Mann,
Den ich dir nicht nennen kann,
Der, als er an schwachen Ranken
Einen Kürbiß hangen sah',
Groß und schwer, wie deiner da,
Den du selbst gezogen hast,
Den verwegenen Gedanken
Hegete: Nein, solch eine Last
Hätt' ich an so schwaches Reis
Wahrlich doch nicht aufgehangen !
Mancher Kürbiß, gelb und weiß,
Reih' bei Reih', in gleichem Raum,
Hätte sollen herrlich prangen
Hoch am starken Eichenbaum !
Also denkend geht er fort,
Und gelanget an den Ort
Einer Eiche; lagert sich
Längelang in ihren Schatten
Und schläft ein. –
Die Winde hatten
Manchen Monat nicht geweht;
Aber als er schläft, entsteht
In der Eiche hohem Wipfel
Ein Gebrause; starke Weste
Schütteln ihre vollen Aeste;
Plötzlich stürzt von dem Bewegen
Prasselnd ein geschwinder Regen
Reifer Eicheln von dem Gipfel.
Viele liegen in dem Grase,
Aber eine fällt gerade
Dem Kunstrichter auf die Nase !
Plötzlich springt er auf und sieht,
Daß sie blutet. Dieser Schade
Geht noch an ! denkt er und flieht
Und bereuet auf der Flucht
Den Gedanken, welcher wollte,
Daß der Eichbaum eine Frucht,
Gleich dem Kürbiß, tragen sollte.
»Traf ein Kürbiß mein Gesicht«,
Sprach er, »nein, so lebt' ich nicht !
O, wie dumm hab' ich gedacht !
Gott hat alles wohl gemacht !«
Johann Wilhelm Ludwig Gleim
Sohn, mit Weisheit und Verstand
Ordnete des Schöpfers Hand
Alle Dinge. Sieh' umher !
Keines steht von ohngefähr,
Wo es steht ! Das Firmament,
Wo die große Sonne brennt,
Und der kleinste Sonnenstaub,
Deines Athems leichter Raub,
Trat, auf unsers Gottes Wort,
Jegliches an seinen Ort.
Jedes Ding in seiner Welt
Ist vollkommen; dennoch hält
Mancher Thor es nicht dafür,
Und kunstrichtet Gott in ihr !
Solch ein Thor war jener Mann,
Den ich dir nicht nennen kann,
Der, als er an schwachen Ranken
Einen Kürbiß hangen sah',
Groß und schwer, wie deiner da,
Den du selbst gezogen hast,
Den verwegenen Gedanken
Hegete: Nein, solch eine Last
Hätt' ich an so schwaches Reis
Wahrlich doch nicht aufgehangen !
Mancher Kürbiß, gelb und weiß,
Reih' bei Reih', in gleichem Raum,
Hätte sollen herrlich prangen
Hoch am starken Eichenbaum !
Also denkend geht er fort,
Und gelanget an den Ort
Einer Eiche; lagert sich
Längelang in ihren Schatten
Und schläft ein. –
Die Winde hatten
Manchen Monat nicht geweht;
Aber als er schläft, entsteht
In der Eiche hohem Wipfel
Ein Gebrause; starke Weste
Schütteln ihre vollen Aeste;
Plötzlich stürzt von dem Bewegen
Prasselnd ein geschwinder Regen
Reifer Eicheln von dem Gipfel.
Viele liegen in dem Grase,
Aber eine fällt gerade
Dem Kunstrichter auf die Nase !
Plötzlich springt er auf und sieht,
Daß sie blutet. Dieser Schade
Geht noch an ! denkt er und flieht
Und bereuet auf der Flucht
Den Gedanken, welcher wollte,
Daß der Eichbaum eine Frucht,
Gleich dem Kürbiß, tragen sollte.
»Traf ein Kürbiß mein Gesicht«,
Sprach er, »nein, so lebt' ich nicht !
O, wie dumm hab' ich gedacht !
Gott hat alles wohl gemacht !«
Johann Wilhelm Ludwig Gleim
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20 Jun 2021 07:27 #36435
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21 Jun 2021 06:55 #36453
von Kaninchen
Heimweh
Anders wird die Welt mit jedem Schritt,
Den ich weiter von der Liebsten mache;
Mein Herz, das will nicht weiter mit.
Hier scheint die Sonne kalt ins Land,
Hier deucht mir alles unbekannt,
Sogar die Blumen am Bache !
Hat jede Sache
So fremd eine Miene, so falsch ein Gesicht.
Das Bächlein murmelt wohl und spricht:
Armer Knabe, komm bei mir vorüber,
Siehst auch hier Vergißmeinnicht !
Ja, die sind schön an jedem Ort,
Aber nicht wie dort.
Fort, nur fort !
Die Augen gehn mir über !
Eduard Mörike
deutscher Erzähler, Lyriker und Dichter
Anders wird die Welt mit jedem Schritt,
Den ich weiter von der Liebsten mache;
Mein Herz, das will nicht weiter mit.
Hier scheint die Sonne kalt ins Land,
Hier deucht mir alles unbekannt,
Sogar die Blumen am Bache !
Hat jede Sache
So fremd eine Miene, so falsch ein Gesicht.
Das Bächlein murmelt wohl und spricht:
Armer Knabe, komm bei mir vorüber,
Siehst auch hier Vergißmeinnicht !
Ja, die sind schön an jedem Ort,
Aber nicht wie dort.
Fort, nur fort !
Die Augen gehn mir über !
Eduard Mörike
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22 Jun 2021 07:31 #36467
von Kaninchen
Auf der Bank im Walde
han sich gestern zwei geküßt.
Heute kommt die Nachtigall
und holt sich, was geblieben ist.
Das Mädchen hat beim Scheiden
die Zöpfe neu sich aufgesteckt…
Ei, wie viel blonde Seide da
die Nachtigall entdeckt !
Den Schnabel voller Fäden,
kehrt Nachtigall nach Haus
und legt das zarte Nestchen
Mit ihrem Golde aus.
Freund Nachtigall, Freund Nachtigall,
so bleib's in allen Jahren !
Mir werd' ein Schnäblein voll Gesang,
dir eins voll Liebchens Haaren !
Christian Morgenstern
han sich gestern zwei geküßt.
Heute kommt die Nachtigall
und holt sich, was geblieben ist.
Das Mädchen hat beim Scheiden
die Zöpfe neu sich aufgesteckt…
Ei, wie viel blonde Seide da
die Nachtigall entdeckt !
Den Schnabel voller Fäden,
kehrt Nachtigall nach Haus
und legt das zarte Nestchen
Mit ihrem Golde aus.
Freund Nachtigall, Freund Nachtigall,
so bleib's in allen Jahren !
Mir werd' ein Schnäblein voll Gesang,
dir eins voll Liebchens Haaren !
Christian Morgenstern
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