Gedichte

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04 Nov 2021 07:36 #38478 von Kaninchen
Wahrhaftig, die Welt ist ein Schauspielhaus,
Beinah schon ausverkauft,
Um jedes Plätzchen gibts harten Strauß,
Um jeden Fleck wird gerauft.

Ein jeder säße gern am Eck,
Von der Bühne nicht zu weit
Und rührte sich überhaupt nicht weg
Und machte sich möglichst breit.

Und wer da schimpft und räsoniert,
Wem niemals was gefällt
Und wer am schärfsten rezensiert,
Käm wieder gern zur Welt.


Heinrich Teweles
1856 - 1927
deutscher Dichter

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05 Nov 2021 07:30 #38494 von Kaninchen
Ein Kind – vergißt sich selbst;
ein Knabe – kennt sich nicht;
ein Jüngling – ach't sich schlecht;
ein Mann – hat immer Pflicht,
ein Alter – nimmt Verdruß;
ein Greis – wird wieder Kind:
Was meinst du, was doch dies
für Herrlichkeiten sind.

Friedrich von Logau
1605 - 1655
Pseudonym: Salomon von Golaw, deutscher Dichter des Barocks aus schlesischem Adelsgeschlecht

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06 Nov 2021 07:38 #38515 von Kaninchen
Ein Säufertraum

 

Ich war im Traume betrunken
Und sah ein altes Kamel,
Das war zu Boden gesunken –
Es lachte – bei meiner Seel!

Und bald lag mein ganzes Genie
Neben dem lachenden Vieh.
Der Himmel lachte über mir,
Und ich trank immer noch für Vier.

Mein Kamel kam nicht zu kurz dabei;
Ich ließ es trinken fast für Drei.
Dies war meine schönste Zecherei;
Ich fühlte mich so groß und frei.

Ich trinke – bei meiner ewigen Seele! –
Nur noch mit einem alten Kamele.
Mit Menschen trinken ist der größte Kohl –
Kamele nur verstehn den Alkohol.

Paul Scheerbart
1863 - 1915
deutscher Schriftsteller

Quelle: Scheerbart, Katerpoesie, 1909

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07 Nov 2021 07:56 - 07 Nov 2021 08:06 #38529 von Kaninchen
 Spätherbst
Theodor Fontane

Schon mischt sich Rot in der Blätter Grün,
Reseden und Astern im Verblühn,
Die Trauben geschnitten, der Hafer gemäht,
Der Herbst ist da, das Jahr wird spät.

Und doch (ob Herbst auch) die Sonne glüht -
Weg drum mit der Schwermut aus deinem Gemüt !
Banne die Sorge, genieße, was frommt,
Eh Stille, Schnee und Winter kommt.

 
 
Letzte Änderung: 07 Nov 2021 08:06 von Kaninchen.

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08 Nov 2021 07:31 #38544 von Kaninchen
Schreckliche Folgen eines Bleistifts

II

Übrigens (das muß man sagen)
Was die edle Kunst betraf,
Überhaupt in seinem Fache,
War Pedrillo wirklich brav.
So z. B. die Madonna;
Ja, wer hätte das gedacht?
Selbst der große Don Murillo
Hätte Beßres nicht gemacht.

Aber so was kostet Mühe,
Und es kostet auch noch Geld,
Denn Pedrillo hatte häufig
Sich dazu Modell bestellt.

Sie war eine Schneiderstochter
Aus der Vorstadt von Madrid,
Schwarze Augen, blonde Flechten
Brachte dieses Mädchen mit.

Als Pedrillo nun gemalet
Dieses Mädchen als Porträt,
War der große Don Murillo
Auch nicht ungern in der Näh'.

Früh vom Morgen bis zum Abend
Unterweist der Meister ihn,
Und Pedrillo folgte willig
Stets mit eifrigem Bemühn.

Aber abends, wo ein jeder
Gerne seine Ruhe hat,
Führt' Pedrillo jenes Mädchen
Oft spazieren vor die Stadt.

Wilhelm Busch (1832 - 1908), deutscher Zeichner, Maler und Schriftsteller

Quelle: Busch, in: Fliegende Blätter und Münchner Bilderbogen 1859-1864, Braun und Schneider, München

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09 Nov 2021 07:20 - 09 Nov 2021 09:02 #38566 von Kaninchen
Schreckliche Folgen eines Bleistifts

III

Schon am nächsten Donnerstage,
Als ein schöner Abend war,
Sah man draußen vor dem Tore
Dieses pflichtvergeßne Paar.
Zu dem dort'gen Myrtenhaine
Gingen sie im Mondeslicht,
Aber keiner sah sie wieder,
Wenigstens lebendig nicht.

Denn es sprach zu ihr Pedrillo:
»Sprich, Geliebte, liebst du mich?«
Und sie preßt ihn an den Busen,
Sprechend: »Ja, ich liebe dich !«

»Au!« schrie plötzlich da Pedrillo,
Und das Mädchen schrie es auch;
Tödlich fielen beide nieder
Unter einen Myrtenstrauch.

Keiner wußte, was geschehen,
Bis des Morgens in der Früh,
Denn da kam ein alter Klausner
Durch den Wald und merkte sie.
Und als er die beiden Leichen
In der Nähe sich besah,
Fand er alles sehr natürlich,
Denn, ach Gott! was fand er da ?

Ach, ein Bleistift Nr. 7,
Den Pedrillo zugespitzt,
Zugespitzt an beiden Enden,
Hatte dieses Blut verspritzt.

Als Murillo dies vernommen,
Sprach er sanft und weinte sehr:
»Ach! O Jüngling, spitze niemals
Einen harten Bleistift mehr;
Führe Mädchen nie spazieren,
Denn dies Beispiel zeigt es klar,
Daß es erstens sehr gefährlich,
Zweitens auch nicht nötig war.«

Wilhelm Busch (1832 - 1908), deutscher Zeichner, Maler und Schriftsteller

Quelle: Busch, in: Fliegende Blätter und Münchner Bilderbogen 1859-1864, Braun und Schneider, München. 1859-1871
Letzte Änderung: 09 Nov 2021 09:02 von Georg Borer. Grund: 2 doppelte Strophen am Schluss des Gedichts entfernt.

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