Gedichte
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31 Jan 2019 06:32 #21391
von Feschtbrueder
Humor ist, wenn man trotzdem lacht! Lachen ist die beste Medizin!
Der Walfafisch oder Das Überwasser
Das Wasser rinnt, das Wasser spinnt,
bis es die ganze Welt gewinnt.
Das Dorf ersäuft,
die Eule läuft,
und auf der Eiche sitzt ein Kind.
Dem Kind sind schon die Beinchen nass,
es ruft: das Wass, das Wass, das Wass!
Der Walfisch weint
und sagt, mir scheint,
es regnet ohne Unterlass.
Das Wasser rann mit zasch und zisch,
die Erde ward zum Wassertisch.
Und Kind und Eul’,
o greul, o greul –
sie frissifrass der Walfafisch.
Christian Morgenstern
Das Wasser rinnt, das Wasser spinnt,
bis es die ganze Welt gewinnt.
Das Dorf ersäuft,
die Eule läuft,
und auf der Eiche sitzt ein Kind.
Dem Kind sind schon die Beinchen nass,
es ruft: das Wass, das Wass, das Wass!
Der Walfisch weint
und sagt, mir scheint,
es regnet ohne Unterlass.
Das Wasser rann mit zasch und zisch,
die Erde ward zum Wassertisch.
Und Kind und Eul’,
o greul, o greul –
sie frissifrass der Walfafisch.
Christian Morgenstern
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31 Jan 2019 08:02 #21406
von Kaninchen
An die Sittlichkeitsprediger in Köln am Rheine
Warum schimpfen Sie, Herr Lizentiate,
Über die Unmoral in der Kemenate?
Warum erheben Sie ein solches Geheule,
Sie gnadentriefende Schöpsenkeule?
Ezechiel und Jeremiae Jünger,
Was beschmeußen Sie uns mit dem Bibeldünger?
Was gereucht Ihnen zu solchem Schmerze,
Sie evangelische Unschlittkerze?
Was wissen Sie eigentlich von der Liebe
Mit Ihrem Pastoren-Kaninchentriebe,
Sie multiplizierter Kindererzeuger,
Sie gottesseliger Bettbesteuger? .
Als wie die Menschen noch glücklich waren,
Herr Lizentiate, vor vielen Jahren,
Da wohnte Frau Venus im Griechenlande
In schönen Tempeln am Meeresstrande.
Man hielt sie als Göttin in hohen Ehren
Und lauschte willig den holden Lehren.
Sie reden von einem schmutzigen Laster,
Sie jammerseliges Sündenpflaster!
Sie haben den Schmutz wohl häufig gefunden
In Ihren sündlichen Fleischesstunden
Bei Ihrem christlichen Eheweibchen?
In Frau Pastorens Flanellenleibchen?
Ludwig Thoma, 1905
Warum schimpfen Sie, Herr Lizentiate,
Über die Unmoral in der Kemenate?
Warum erheben Sie ein solches Geheule,
Sie gnadentriefende Schöpsenkeule?
Ezechiel und Jeremiae Jünger,
Was beschmeußen Sie uns mit dem Bibeldünger?
Was gereucht Ihnen zu solchem Schmerze,
Sie evangelische Unschlittkerze?
Was wissen Sie eigentlich von der Liebe
Mit Ihrem Pastoren-Kaninchentriebe,
Sie multiplizierter Kindererzeuger,
Sie gottesseliger Bettbesteuger? .
Als wie die Menschen noch glücklich waren,
Herr Lizentiate, vor vielen Jahren,
Da wohnte Frau Venus im Griechenlande
In schönen Tempeln am Meeresstrande.
Man hielt sie als Göttin in hohen Ehren
Und lauschte willig den holden Lehren.
Sie reden von einem schmutzigen Laster,
Sie jammerseliges Sündenpflaster!
Sie haben den Schmutz wohl häufig gefunden
In Ihren sündlichen Fleischesstunden
Bei Ihrem christlichen Eheweibchen?
In Frau Pastorens Flanellenleibchen?
Ludwig Thoma, 1905
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01 Feb 2019 07:01 #21412
von Feschtbrueder
Humor ist, wenn man trotzdem lacht! Lachen ist die beste Medizin!
Hoppla, hoppla, da hat einer Dampf abgelassen.
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01 Feb 2019 08:33 #21422
von Kaninchen
Schneeglöckchen
Sei gegrüßt, du zarte Blüte,
Unter Schnee und Frost
Mit prophetischem Gemüte
Still hervorgesproßt!
"Soll der Winter ewig dauern?"
Fragt es hier und da;
Sieh, da rufst du durch sein Schauern
„Heil, der Lenz ist nah!"
Bald nun nehmt ihr an den Hagen
Grüne Spitzen wahr,
Hört die Nachtigallen schlagen
Süß und wunderbar;
Frischbelaubte Wipfel geben
Dann den Ton zurück,
Und es labt sich alles Leben
An des Lenzes Glück.
Du jedoch, die ihn vor allen
Ahnend vorempfand,
Biegst dann welk dahingefallen
Auf dem grünen Land.
Rasch ist deine Zeit verronnen,
Holdes Lenzgedicht:
Künden darfst du Frühlingswonnen,
Sie genießen nicht.
Otto Baisch
Es war mir schon klar, daß ich mich mit diesem Gedicht auf dünnes Eis begebe, -
trotzdem -
trotzdem -
Schneeglöckchen
Sei gegrüßt, du zarte Blüte,
Unter Schnee und Frost
Mit prophetischem Gemüte
Still hervorgesproßt!
"Soll der Winter ewig dauern?"
Fragt es hier und da;
Sieh, da rufst du durch sein Schauern
„Heil, der Lenz ist nah!"
Bald nun nehmt ihr an den Hagen
Grüne Spitzen wahr,
Hört die Nachtigallen schlagen
Süß und wunderbar;
Frischbelaubte Wipfel geben
Dann den Ton zurück,
Und es labt sich alles Leben
An des Lenzes Glück.
Du jedoch, die ihn vor allen
Ahnend vorempfand,
Biegst dann welk dahingefallen
Auf dem grünen Land.
Rasch ist deine Zeit verronnen,
Holdes Lenzgedicht:
Künden darfst du Frühlingswonnen,
Sie genießen nicht.
Otto Baisch
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02 Feb 2019 06:49 #21433
von Feschtbrueder
Humor ist, wenn man trotzdem lacht! Lachen ist die beste Medizin!
Bei meinen Nachforschungen zu „Sittlichkeitsprediger“ habe ich ein paar
interessante Details
zum Gedicht gefunden. (Kommentar in der rechten Spalte)
Kalender 1913
Januar:
Der Reiche klappt den Pelz empor,
und mollig glüht das Ofenrohr,
Der Arme klebt, dass er nicht frier,
sein Fenster zu mit Packpapier.
Februar:
Im Fasching schaut der reiche Mann
sich gern ein armes Mädchen an.
Wie zärtlich oft die Liebe war,
wird im November offenbar.
März:
Im Jahre achtundvierzig schien
die neue Zeit heraufzuziehn.
Ihr, meine Zeitgenossen wisst,
dass heut noch nicht mal Vormärz ist.
April:
Wer Diplomate werden will,
nehm sich ein Muster am April.
Aus heiterm Blau bricht der Orkan,
und niemand hat’s nachher getan.
Mai:
Der Revoluzzer fühlt sich stark.
Des Reichen Vorschrift ist ihm Quark.
Er feiert stolz den ersten Mai.
(Doch fragt er erst die Polizei.)
Juni:
Mit Weib und Kind in die Natur,
zur Heilungs-, Stärkungs-, Badekur.
Doch wer da wandert bettelarm,
den fleppt der würdige Gendarm.
Juli:
Wie so ein Schwimmbad doch erfrischt,
wenn’s glühend heiss vom Himmel zischt!
Dem Vaterland dient der Soldat,
kloppt Griffe noch bei dreissig Grad.
August:
Wie arg es zugeht auf der Welt,
wird auf Kongressen festgestellt.
Man trinkt, man tanzt, man redet froh,
und alles bleibt beim status quo.
September:
Vorüber ist die Ferienzeit.
Der Lehrer hält den Stock bereit.
Ein Kind sah Berg und Wasserfall,
das andre nur den Schweinestall.
Oktober:
Zum Herbstmanöver rücken an
der Landwehr- und Reservemann.
Es drückt der Helm, es schmerzt das Bein.
O welche Lust, Soldat zu sein!
November:
Der Tag wird kurz, die Kälte droht.
Da tun die warmen Kleider not.
Ach wärmte doch der Pfandschein so
wie der versetzte Paletot.
Dezember:
Nun teilt der gute Nikolaus
die schönen Weihnachtgaben aus.
Das arme Kind hat sie gemacht,
dem reichen werden sie gebracht.
Erich Mühsam, 1878-1934
Kalender 1913
Januar:
Der Reiche klappt den Pelz empor,
und mollig glüht das Ofenrohr,
Der Arme klebt, dass er nicht frier,
sein Fenster zu mit Packpapier.
Februar:
Im Fasching schaut der reiche Mann
sich gern ein armes Mädchen an.
Wie zärtlich oft die Liebe war,
wird im November offenbar.
März:
Im Jahre achtundvierzig schien
die neue Zeit heraufzuziehn.
Ihr, meine Zeitgenossen wisst,
dass heut noch nicht mal Vormärz ist.
April:
Wer Diplomate werden will,
nehm sich ein Muster am April.
Aus heiterm Blau bricht der Orkan,
und niemand hat’s nachher getan.
Mai:
Der Revoluzzer fühlt sich stark.
Des Reichen Vorschrift ist ihm Quark.
Er feiert stolz den ersten Mai.
(Doch fragt er erst die Polizei.)
Juni:
Mit Weib und Kind in die Natur,
zur Heilungs-, Stärkungs-, Badekur.
Doch wer da wandert bettelarm,
den fleppt der würdige Gendarm.
Juli:
Wie so ein Schwimmbad doch erfrischt,
wenn’s glühend heiss vom Himmel zischt!
Dem Vaterland dient der Soldat,
kloppt Griffe noch bei dreissig Grad.
August:
Wie arg es zugeht auf der Welt,
wird auf Kongressen festgestellt.
Man trinkt, man tanzt, man redet froh,
und alles bleibt beim status quo.
September:
Vorüber ist die Ferienzeit.
Der Lehrer hält den Stock bereit.
Ein Kind sah Berg und Wasserfall,
das andre nur den Schweinestall.
Oktober:
Zum Herbstmanöver rücken an
der Landwehr- und Reservemann.
Es drückt der Helm, es schmerzt das Bein.
O welche Lust, Soldat zu sein!
November:
Der Tag wird kurz, die Kälte droht.
Da tun die warmen Kleider not.
Ach wärmte doch der Pfandschein so
wie der versetzte Paletot.
Dezember:
Nun teilt der gute Nikolaus
die schönen Weihnachtgaben aus.
Das arme Kind hat sie gemacht,
dem reichen werden sie gebracht.
Erich Mühsam, 1878-1934
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02 Feb 2019 08:28 - 02 Feb 2019 08:30 #21444
von Kaninchen
Letzte Änderung: 02 Feb 2019 08:30 von Kaninchen.
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