Gedichte

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21 Jan 2019 17:25 #21250 von Kaninchen


Ohne Anfang und Ende

Gedicht von Dr. Owlglaß

Ist einer am Ufer gesessen,
der wollte das Wasser messen.
Wie hat da das Wasser gelacht!
Der am Ufer rechnet verdrossen.
Das Wasser ist weiter geflossen
durch den Tag und die dunkele Nacht,

Und hat’s den Bächen und Flüssen,
hat’s allen erzählen müssen,
bis weit hinunter ans Meer.
Da lachten die glitzernden Quellen,
da lachte der gischtigen Wellen
unendlich wogendes Heer.

Aus den Mooren dampften und kolken
die Nebel und wurden zu Wolken,
und der Regen rauschte herab.
Und das Wasser sang durchs Gelände:
«Ich bin ohne Anfang und Ende
und kenne nicht Wiege noch Grab...»

Aus der Sammlung Im letzten Viertel


Dr. Owlglass (dt. Eulenspiegel) (eigentlich Hans Erich Blaich;
* 19. Januar 1873 in Leutkirch im Allgäu; † 29. Oktober 1945 in Fürstenfeldbruck)
war ein deutscher Arzt, Schriftsteller und Lyriker.

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22 Jan 2019 08:03 #21263 von Kaninchen



Ich blickte hinauf zu den Sternen

Ich blickte hinauf zu den Sternen,
In seliges Sinnen gebannt —
Da wob zwischen ihnen und mir sich
Ein ahnungsvoll heimliches Band.

Mir träumte... weiß nicht, was mir träumte
Berückend erklang's himmelher...
Es zitterten leise die Sterne —
Nun lieb ich die Sterne noch mehr!

Afanassi Afanassjewitsch Fet
Geboren 1820
Gestorben 1892

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23 Jan 2019 08:01 #21273 von Kaninchen
Träumen

Im braunen Moose tief unter den Zweigen
Des Forstes, die rauschend sich heben und neigen,
Da lag ich und träumt' ich des Abends so gern.
Da löste der Staub sich des Tages vom Busen,
Und lächelnd nahten die seligen Musen,
Mit ihnen die Königin Liebe von fern.

Nun ging's an ein Lauschen, ein Hoffen und Dichten
Von schimmernden Märchen und alten Geschichten,
Ob alles erlogen? Doch war es mir lieb.
Spät eilt' ich nach Hause, schon stammten die Sterne.
Das arme Leben, ich duldet' es gerne,
Wenn nur der reiche Traum mir verblieb!

Heinrich Federer
(* 6. Oktober 1866 in Brienz; † 29. April 1928 in Zürich, heimatberechtigt in Berneck) war ein Schweizer Schriftsteller und katholischer Priester.

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24 Jan 2019 07:37 #21286 von Kaninchen



Der begossene Pudel


Schön sind Sie, mein Fräulein, und ich könnte
Stundenlang in Ihre Augen schauen,
Drüber sich die schönsten Brauen bauen,
Wenn's das böse Schicksal mir vergönnte.

Aber ach, aus Amors Gnaden bin ich
Längst gefallen; seine holden Gaben
Gönnt er jungen, tanzbeflißnen Knaben,
Und im Winkel Trübsalsverse spinn' ich.

Ihre schönen Augen woll'n nicht sehen,
Wie ich Armer mich um Sie verzehre, –
Wenn ich jung noch und ein Schwätzer wäre,
Würde wohl die Sache besser gehen.

O, das ist betrüblich zu erfahren,
Daß man nicht mehr wie in jungen Tagen
Bloß sein Sprüchlein frech braucht herzusagen, –
Weh, die Liebe rechnet nach den Jahren.

Und so will ich denn zur Seite treten
Und mich herzhaft auf die Lippen beißen:
Klirre nicht, verworfnes altes Eisen!
Höre auf zu lieben, lerne beten!

Otto Julius Bierbaum
Aus der Sammlung Das seidene Buch

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25 Jan 2019 05:26 #21292 von Feschtbrueder
Der heroische Pudel

Ein schwarzer Pudel, dessen Haar
des Abends noch wie Kohle war,
betrübte sich so höllenheiss,
weil seine Dame Flügel spielte,
trotzdem er heulte: dass (o Preis
dem Schmerz, der solchen Sieg erzielte!)
er beim Gekräh der Morgenhähne
aufstand als wie ein hoher Greis -
mit einer silberweissen Mähne.


Christian Morgenstern

:-) Humor ist, wenn man trotzdem lacht! Lachen ist die beste Medizin!

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25 Jan 2019 07:37 #21302 von Kaninchen
Das Lied von der Freundschaft

Töricht ist´s, dem sanften Glühen
Das die Freundschaft mild erregt,
Jene Wunden vorzuziehen,
Die die Liebe grausam schlägt.

Liebe nimmer uns erscheine,
Freundschaft bleib´ uns zugewandt!
Wer verläßt Italien´s Haine
Für Arabien´s heißen Sand ?

Adelbert von Chamisso



Adelbert von Chamisso
Pfeife rauchend
Zeichnung von F.C. Weiß

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