Gedichte
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16 Jan 2019 18:55 #21168
von Kaninchen
Mädchens Abendgedanken
Wer der Meine wohl wird werden?
Ob mein Aug' ihn wohl schon sah?
Wo er wandeln mag auf Erden?
Ist er ferne oder nah'?
Wird er schön von Angesichte
Oder doch nicht häßlich sein?
Krause Locken? Augen lichte?
Groß von Wuchse oder klein?
Stark von Gliedern oder schmächtig?
Ob er leicht im Tanz sich schwenkt?
Ob er nüchtern, streng, bedächtig,
Oder recht romantisch denkt?
Oberamtmann oder Richter
Voller Ernst und Gravität?
Ist er Künstler, oder Dichter?
Ob er auch Musik versteht?
Ein Gelehrter, reich an Wissen,
Der studiert und Bücher schreibt,
Dem jedoch zu Scherz und Küssen
Wenig Zeit nur übrig bleibt?
Ist er wohl vom Handelstande?
Ist' s ein Kriegsmann, keck und brav?
Ist er Pfarrer auf dem Lande,
Oder gar ein schöner Graf?
Ist die Liebe denn recht innig,
Die er dann im Herzen trägt,
Da das meine ja so minnig
Jetzt schon ihm entgegenschlägt?
Sagt mir's, holde Blütendüfte,
Die ihr weht in's Kämmerlein,
Sagt mir's, leise Abendlüfte,
Sag' mir's, sanfter Mondenschein!
Sagt mir's, Elfen, kleine, lose,
Die ihr lauscht und lacht und nickt,
Sag' mir's, süße, rothe Rose,
Die mir in das Fenster blickt!
Saget mir's, ihr klugen Sterne,
Die heraus am Himmel zieh'n!
Triebe schwellen in die Ferne,
Und sie wissen nicht, wohin?
Liebesarme stehen offen,
Ach, wen sollen sie empfah'n?
Lippen, die auf Küsse hoffen,
Ach, wer wird zum Kusse nah'n?
Oder soll ich lieber sagen,
Lieblich sei's, so blind zu sein?
Dieses Klagen, dieses Fragen
Sei uns Mädchen süße Pein?
Träume können sel'ger spielen
Kindern gleich im leeren Haus,
Wenn nach unbekannten Zielen
Holde Wünsche ziehen aus?
Freudig Bangen! Bange Freude!
Ungewisser, finde mich!
Leid in Lust und Lust im Leide!
Künftiger, ich liebe dich!
Friedrich Theodor von Vischer
(1807 - 1887),
deutscher Philosoph, Lyriker, Erzähler und Ästhetiker
Mädchens Abendgedanken
Wer der Meine wohl wird werden?
Ob mein Aug' ihn wohl schon sah?
Wo er wandeln mag auf Erden?
Ist er ferne oder nah'?
Wird er schön von Angesichte
Oder doch nicht häßlich sein?
Krause Locken? Augen lichte?
Groß von Wuchse oder klein?
Stark von Gliedern oder schmächtig?
Ob er leicht im Tanz sich schwenkt?
Ob er nüchtern, streng, bedächtig,
Oder recht romantisch denkt?
Oberamtmann oder Richter
Voller Ernst und Gravität?
Ist er Künstler, oder Dichter?
Ob er auch Musik versteht?
Ein Gelehrter, reich an Wissen,
Der studiert und Bücher schreibt,
Dem jedoch zu Scherz und Küssen
Wenig Zeit nur übrig bleibt?
Ist er wohl vom Handelstande?
Ist' s ein Kriegsmann, keck und brav?
Ist er Pfarrer auf dem Lande,
Oder gar ein schöner Graf?
Ist die Liebe denn recht innig,
Die er dann im Herzen trägt,
Da das meine ja so minnig
Jetzt schon ihm entgegenschlägt?
Sagt mir's, holde Blütendüfte,
Die ihr weht in's Kämmerlein,
Sagt mir's, leise Abendlüfte,
Sag' mir's, sanfter Mondenschein!
Sagt mir's, Elfen, kleine, lose,
Die ihr lauscht und lacht und nickt,
Sag' mir's, süße, rothe Rose,
Die mir in das Fenster blickt!
Saget mir's, ihr klugen Sterne,
Die heraus am Himmel zieh'n!
Triebe schwellen in die Ferne,
Und sie wissen nicht, wohin?
Liebesarme stehen offen,
Ach, wen sollen sie empfah'n?
Lippen, die auf Küsse hoffen,
Ach, wer wird zum Kusse nah'n?
Oder soll ich lieber sagen,
Lieblich sei's, so blind zu sein?
Dieses Klagen, dieses Fragen
Sei uns Mädchen süße Pein?
Träume können sel'ger spielen
Kindern gleich im leeren Haus,
Wenn nach unbekannten Zielen
Holde Wünsche ziehen aus?
Freudig Bangen! Bange Freude!
Ungewisser, finde mich!
Leid in Lust und Lust im Leide!
Künftiger, ich liebe dich!
Friedrich Theodor von Vischer
(1807 - 1887),
deutscher Philosoph, Lyriker, Erzähler und Ästhetiker
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17 Jan 2019 07:40 #21182
von Kaninchen
Die Nacht
Am Himmel ist gar dunkle Nacht;
Die müden Augen zugemacht
Hat längst ein jedes Menschenkind;
Es wacht nur noch der rauhe Wind.
Der jaget sonder Rast und Ruh
Die Fensterläden auf und zu,
Die Wetterfahne hin und her,
Daß sie muß ächzen und stöhnen schwer.
Doch sieh! aus jenem Fenster bricht
In's Dunkel noch ein mattes Licht.
Wer ist's wohl, der in tiefer Nacht
Bei seiner Lampe einsam wacht?
Ich schleiche dicht an's Fensterlein,
Schau' durch die runde Scheib' hinein,
Und einen Jüngling zart und schön
Seh' ich an einem Bette stehn.
Und wie ich nach dem Bette schau',
Da schlummert eine kranke Frau.
Er bückt sich über's Bett hinein,
Es muß des Knaben Mutter sein.
Vom Bette läßt er nicht den Blick,
Er streicht das braune Haar zurück,
Sacht' hält er ihr das Ohr zum Mund,
Ob sie noch athme zu dieser Stund.
Friedrich Theodor von Vischer (1807 - 1887), deutscher Philosoph, Lyriker, Erzähler und Ästhetiker
Die Nacht
Am Himmel ist gar dunkle Nacht;
Die müden Augen zugemacht
Hat längst ein jedes Menschenkind;
Es wacht nur noch der rauhe Wind.
Der jaget sonder Rast und Ruh
Die Fensterläden auf und zu,
Die Wetterfahne hin und her,
Daß sie muß ächzen und stöhnen schwer.
Doch sieh! aus jenem Fenster bricht
In's Dunkel noch ein mattes Licht.
Wer ist's wohl, der in tiefer Nacht
Bei seiner Lampe einsam wacht?
Ich schleiche dicht an's Fensterlein,
Schau' durch die runde Scheib' hinein,
Und einen Jüngling zart und schön
Seh' ich an einem Bette stehn.
Und wie ich nach dem Bette schau',
Da schlummert eine kranke Frau.
Er bückt sich über's Bett hinein,
Es muß des Knaben Mutter sein.
Vom Bette läßt er nicht den Blick,
Er streicht das braune Haar zurück,
Sacht' hält er ihr das Ohr zum Mund,
Ob sie noch athme zu dieser Stund.
Friedrich Theodor von Vischer (1807 - 1887), deutscher Philosoph, Lyriker, Erzähler und Ästhetiker
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18 Jan 2019 07:08 #21196
von Kaninchen
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19 Jan 2019 06:55 #21203
von Feschtbrueder
Humor ist, wenn man trotzdem lacht! Lachen ist die beste Medizin!
Der Mond
Guten Abend, du Rundgesicht,
Hüter der weidenden Sterne,
Nächtlicher Langfinger Arbeitslicht,
Heimlicher Liebe Laterne!
Hast mir so oft zum Stelldichein
Still und verschwiegen geleuchtet,
Sahest mit himmlischer Milde drein,
Wenn ich dir reuig gebeichtet.
Habe an dir in Gram und Leid
Stets einen Tröster gefunden,
Oft auch bist du zur rechten Zeit
Hinter den Wolken verschwunden.
Gälte ich etwas bei dem, der thront
Über den rollenden Welten,
Wollt' ich dir gerne, du treuer Mond,
All' deine Dienste vergelten.
Über den Mond ein Lächeln ging,
Leise hat's mir geklungen:
Willst du mir danken, o Dichterling,
Lasse mich unbesungen.
Rudolf Baumbach
Guten Abend, du Rundgesicht,
Hüter der weidenden Sterne,
Nächtlicher Langfinger Arbeitslicht,
Heimlicher Liebe Laterne!
Hast mir so oft zum Stelldichein
Still und verschwiegen geleuchtet,
Sahest mit himmlischer Milde drein,
Wenn ich dir reuig gebeichtet.
Habe an dir in Gram und Leid
Stets einen Tröster gefunden,
Oft auch bist du zur rechten Zeit
Hinter den Wolken verschwunden.
Gälte ich etwas bei dem, der thront
Über den rollenden Welten,
Wollt' ich dir gerne, du treuer Mond,
All' deine Dienste vergelten.
Über den Mond ein Lächeln ging,
Leise hat's mir geklungen:
Willst du mir danken, o Dichterling,
Lasse mich unbesungen.
Rudolf Baumbach
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19 Jan 2019 08:29 - 19 Jan 2019 08:30 #21215
von Kaninchen
Die Kröte
Wenn Sommers eine feuchte Nacht,
ist ein Gesindel aufgewacht
von Würmern und von Schnecken,
die sich am Tag verstecken.
Das geht auf Raub aus rücksichtslos,
und mancher junge Blütenschoß
muss elendig verderben,
viel zart’ Gemüse sterben.
Doch sieh, ein braver Polizist
in Busch und Heck’ auf Wache ist,
ob sich ein Fang ihm böte;
es ist die große Kröte.
Kommt nun ein fettes Schneckentier
geschlichen in ihr Fangrevier
auf schleimig nassen Sohlen,
pass auf, sie wird es holen.
Die Zunge fährt ihr aus dem Maul,
sie zieht und zerrt — und wird nicht faul,
bis sie das Schneckenessen
behaglich aufgefressen.
Die bösen Käfer kauft sie sich,
den Würmern geht es jämmerlich,
schwupps hat sie sie am Kragen
Zum eignen Wohlbehagen.
Die gute Kröte ekelt dich,
sie scheint dir grauslich-widerlich
mit ihren Warzentupfen
und ihrem plumpen Hupfen?
Oh, schlag sie mir nur ja nicht tot!
Der ganze Garten litte Not
und wär bald kahl geworden
ohn’ ihr ersprießlich Morden.
Vielleicht ist auch, du last es schon,
der Krötenfrosch ein Königssohn,
der wartet, dass die böse
Verzauberung sich löse.
Otto Nebelthau
Aus der Sammlung Die guten Räuber
Die Kröte
Wenn Sommers eine feuchte Nacht,
ist ein Gesindel aufgewacht
von Würmern und von Schnecken,
die sich am Tag verstecken.
Das geht auf Raub aus rücksichtslos,
und mancher junge Blütenschoß
muss elendig verderben,
viel zart’ Gemüse sterben.
Doch sieh, ein braver Polizist
in Busch und Heck’ auf Wache ist,
ob sich ein Fang ihm böte;
es ist die große Kröte.
Kommt nun ein fettes Schneckentier
geschlichen in ihr Fangrevier
auf schleimig nassen Sohlen,
pass auf, sie wird es holen.
Die Zunge fährt ihr aus dem Maul,
sie zieht und zerrt — und wird nicht faul,
bis sie das Schneckenessen
behaglich aufgefressen.
Die bösen Käfer kauft sie sich,
den Würmern geht es jämmerlich,
schwupps hat sie sie am Kragen
Zum eignen Wohlbehagen.
Die gute Kröte ekelt dich,
sie scheint dir grauslich-widerlich
mit ihren Warzentupfen
und ihrem plumpen Hupfen?
Oh, schlag sie mir nur ja nicht tot!
Der ganze Garten litte Not
und wär bald kahl geworden
ohn’ ihr ersprießlich Morden.
Vielleicht ist auch, du last es schon,
der Krötenfrosch ein Königssohn,
der wartet, dass die böse
Verzauberung sich löse.
Otto Nebelthau
Aus der Sammlung Die guten Räuber
Letzte Änderung: 19 Jan 2019 08:30 von Kaninchen.
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20 Jan 2019 08:01 - 20 Jan 2019 08:02 #21229
von Kaninchen
Die Fledermaus
Die Fledermaus, die Fledermaus
putzt dir den Obstbaum sauber aus
des Nachts im leisen Fluge.
Doch stiehlt sie dir die Früchte nicht,
ist auf die Diebe nur erpicht,
des Nachts im leisen Fluge.
Wenn er die Raupeneier legt,
den Schmetterling der Nacht sie schlägt
im leisen Zickzackfluge.
Des frechen Maikäfers Gebrumm
macht sie mit scharfen Zähnen stumm
im leisen Zichackfluge.
Die Mücke, die uns stechen will —
die Fledermaus verschluckt sie still
in jagend raschem Fluge.
Sie streift durch Wald und Feld und Haus
und treibt die Plagegeister aus
in jagend raschem Fluge.
Doch bricht dann an der junge Tag,
sie nicht mehr weiter jagen mag,
hört auf in ihrem Fluge.
Sie schlägt die Krallen ins Gestein,
hüllt sich in ihre Flughaut ein
und ruht von ihrem Fluge.
Kopfabwärts spinnt sie ihren Traum
in Mauern, Scheunen, dunklem Raum
von neuem Räuberfluge.
Das helle Leben sieht sie nie,
doch durch den Raub behütet sie
es nachts im leisen Fluge.
Otto Nebelthau
Aus der Sammlung Die guten Räuber
Die Fledermaus
Die Fledermaus, die Fledermaus
putzt dir den Obstbaum sauber aus
des Nachts im leisen Fluge.
Doch stiehlt sie dir die Früchte nicht,
ist auf die Diebe nur erpicht,
des Nachts im leisen Fluge.
Wenn er die Raupeneier legt,
den Schmetterling der Nacht sie schlägt
im leisen Zickzackfluge.
Des frechen Maikäfers Gebrumm
macht sie mit scharfen Zähnen stumm
im leisen Zichackfluge.
Die Mücke, die uns stechen will —
die Fledermaus verschluckt sie still
in jagend raschem Fluge.
Sie streift durch Wald und Feld und Haus
und treibt die Plagegeister aus
in jagend raschem Fluge.
Doch bricht dann an der junge Tag,
sie nicht mehr weiter jagen mag,
hört auf in ihrem Fluge.
Sie schlägt die Krallen ins Gestein,
hüllt sich in ihre Flughaut ein
und ruht von ihrem Fluge.
Kopfabwärts spinnt sie ihren Traum
in Mauern, Scheunen, dunklem Raum
von neuem Räuberfluge.
Das helle Leben sieht sie nie,
doch durch den Raub behütet sie
es nachts im leisen Fluge.
Otto Nebelthau
Aus der Sammlung Die guten Räuber
Letzte Änderung: 20 Jan 2019 08:02 von Kaninchen.
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