Gedichte
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15 Aug 2019 09:10 #24179
von Kaninchen
Der kranke Esel
Ein Esel lag darnieder
In einem Wald sehr krank.
Ein Wolf der stellt sich bieder,
Nahm für ihn seinen Gang,
Tät ihm schmeichelnd zusprechen:
"Leid ist mir dein Unfall.
Sag, wo ist dein Gebrechen?"
Begriff ihn überall.
Der Esel lag in Sorgen,
Forcht des Wolfes Hinterlist,
Sprach zum Wolf unverborgen:
"Wo du mich greifen bist,
Ist am größten mein Schmerzen.
Ich bitt dich, geh von mir,
So wird Ruh meinem Herzen;
Das fürchtet sich vor dir."
Also wo los Gesellen
Voll allerlei Bosheit
Sich freundlich gen eim stellen,
Der vertrau nit zu weit!
Sorgfältig sei einzogen,
Fürcht seine böse Tück.
Kummt er ab unbetrogen,
So sag er von Glück.
Hans Sachs
Der kranke Esel
Ein Esel lag darnieder
In einem Wald sehr krank.
Ein Wolf der stellt sich bieder,
Nahm für ihn seinen Gang,
Tät ihm schmeichelnd zusprechen:
"Leid ist mir dein Unfall.
Sag, wo ist dein Gebrechen?"
Begriff ihn überall.
Der Esel lag in Sorgen,
Forcht des Wolfes Hinterlist,
Sprach zum Wolf unverborgen:
"Wo du mich greifen bist,
Ist am größten mein Schmerzen.
Ich bitt dich, geh von mir,
So wird Ruh meinem Herzen;
Das fürchtet sich vor dir."
Also wo los Gesellen
Voll allerlei Bosheit
Sich freundlich gen eim stellen,
Der vertrau nit zu weit!
Sorgfältig sei einzogen,
Fürcht seine böse Tück.
Kummt er ab unbetrogen,
So sag er von Glück.
Hans Sachs
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16 Aug 2019 07:48 #24185
von Kaninchen
Ralph Albert Blakelock: Mondlicht (1885)
Mondnacht
Joseph von Eichendorff
Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt'.
Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis’ die Wälder,
So sternklar war die Nacht.
Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.
Ralph Albert Blakelock: Mondlicht (1885)
Mondnacht
Joseph von Eichendorff
Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt'.
Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis’ die Wälder,
So sternklar war die Nacht.
Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.
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17 Aug 2019 08:02 #24198
von Kaninchen
Merkwürdige Familie
Sie kann's nicht leugnen:
sie ist nur eine Zündholzmutter,
hockt an dem Markt bei Hitz‘ und Kält‘,
verkauft den lieben langen Tag
drei, vier, fünf Dutzend Schachteln.
Doch hat sie ein feines Töchterlein.
Die ist gar eine feine Dame,
die liegt den lieben langen Tag
in einem goldenen Gemach
auf flaumig weichem Ruhebett
und spielt mit weißem Pudelhündchen
und nascht von teuerm Zuckerwerk,
bis spät am Abend tritt herein
ihr hübscher Graf.
Doch hat sie ein feines Söhnchen.
Der zeigt gar reichberingte Hände,
trägt gelben Rock, Zylinderhut,
der sitzt den lieben langen Tag
bei Kartenschlag und Becherklang,
bis er bei Nacht spazieren führt
zwei Schleierdamen.
Alfred Mombert
Merkwürdige Familie
Sie kann's nicht leugnen:
sie ist nur eine Zündholzmutter,
hockt an dem Markt bei Hitz‘ und Kält‘,
verkauft den lieben langen Tag
drei, vier, fünf Dutzend Schachteln.
Doch hat sie ein feines Töchterlein.
Die ist gar eine feine Dame,
die liegt den lieben langen Tag
in einem goldenen Gemach
auf flaumig weichem Ruhebett
und spielt mit weißem Pudelhündchen
und nascht von teuerm Zuckerwerk,
bis spät am Abend tritt herein
ihr hübscher Graf.
Doch hat sie ein feines Söhnchen.
Der zeigt gar reichberingte Hände,
trägt gelben Rock, Zylinderhut,
der sitzt den lieben langen Tag
bei Kartenschlag und Becherklang,
bis er bei Nacht spazieren führt
zwei Schleierdamen.
Alfred Mombert
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18 Aug 2019 07:37 - 18 Aug 2019 07:41 #24205
von Kaninchen
Abenddämmerung
Am blassen Meeresstrande
Saß ich gedankenbekümmert und einsam.
Die Sonne neigte sich tiefer, und warf
Glührote Streifen auf das Wasser,
Und die weißen, weiten Wellen,
Von der Flut gedrängt,
Schäumten und rauschten näher und näher -
Ein seltsam Geräusch, ein Flüstern und Pfeifen,
Ein Lachen und Murmeln, Seufzen und Sausen,
Dazwischen ein wiegenliedheimliches Singen -
Mir war, als hört ich verschollne Sagen,
Uralte, liebliche Märchen,
Die ich einst, als Knabe,
Von Nachbarskindern vernahm,
Wenn wir am Sommerabend,
Auf den Treppensteinen der Haustür,
Zum stillen Erzählen niederkauerten,
Mit kleinen horchenden Herzen
Und neugierklugen Augen; -
Während die großen Mädchen,
Neben duftenden Blumentöpfen,
Gegenüber am Fenster saßen,
Rosengesichter,
Lächelnd und mondbeglänzt.
Heinrich Heine
Am blassen Meeresstrande
Saß ich gedankenbekümmert und einsam.
Die Sonne neigte sich tiefer, und warf
Glührote Streifen auf das Wasser,
Und die weißen, weiten Wellen,
Von der Flut gedrängt,
Schäumten und rauschten näher und näher -
Ein seltsam Geräusch, ein Flüstern und Pfeifen,
Ein Lachen und Murmeln, Seufzen und Sausen,
Dazwischen ein wiegenliedheimliches Singen -
Mir war, als hört ich verschollne Sagen,
Uralte, liebliche Märchen,
Die ich einst, als Knabe,
Von Nachbarskindern vernahm,
Wenn wir am Sommerabend,
Auf den Treppensteinen der Haustür,
Zum stillen Erzählen niederkauerten,
Mit kleinen horchenden Herzen
Und neugierklugen Augen; -
Während die großen Mädchen,
Neben duftenden Blumentöpfen,
Gegenüber am Fenster saßen,
Rosengesichter,
Lächelnd und mondbeglänzt.
Heinrich Heine
Letzte Änderung: 18 Aug 2019 07:41 von Kaninchen.
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19 Aug 2019 08:11 #24215
von Kaninchen
Friedrich von Bodenstedt
Rosen und Dornen
Ich habe eine Nachbarin
Mit guter Zung' und bösem Sinn.
Sie keift den ganzen Tag im Haus,
Zankt sich herum mit Mann und Maus.
Erhebt ihr guter Mann die Stimme,
Gleich fährt sie auf in wildem Grimme;
Und schweigt er streitesmüde still,
Zankt sie, weil er nicht zanken will.
Der beste Mensch wird manchmal zornig,
Kein Liebespaar kann immer kosen
Die schönsten Rosen selbst sind dornig,
Doch schlimm sind Dornen ohne Rosen!
Rosen und Dornen
Ich habe eine Nachbarin
Mit guter Zung' und bösem Sinn.
Sie keift den ganzen Tag im Haus,
Zankt sich herum mit Mann und Maus.
Erhebt ihr guter Mann die Stimme,
Gleich fährt sie auf in wildem Grimme;
Und schweigt er streitesmüde still,
Zankt sie, weil er nicht zanken will.
Der beste Mensch wird manchmal zornig,
Kein Liebespaar kann immer kosen
Die schönsten Rosen selbst sind dornig,
Doch schlimm sind Dornen ohne Rosen!
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20 Aug 2019 07:28 #24220
von Feschtbrueder
Humor ist, wenn man trotzdem lacht! Lachen ist die beste Medizin!
Rosen
Als ich im kurzen Röckchen ging,
Da wußt' ich gerne jedes Ding
Und ließ der Mutter keine Ruh:
Warum? Weshalb? Wieso? Wozu?
Schwer war es, Antwort sagen
Auf so viel schwere Fragen:
Du Mama, sag, Mama,
Wozu sind denn die Rosen da?
Sprach Mama:
Eisasa!
Rosen sind zum Brechen da.
Nun trag' ich schon ein langes Kleid
Und bin selbst fürchterlich gescheit
Und darf nicht jeden stellen: Du,
Warum? Weshalb? Wieso? Wozu?
Und hab' doch viel zu fragen.
Was würde sie wohl sagen,
Früg' ich: Du, sag, Mama:
Wozu sind denn wir Mädchen da?
Spräch' Mama:
Eisasa!
Mädchen sind zum Küssen da.
Otto Julius Bierbaum
Als ich im kurzen Röckchen ging,
Da wußt' ich gerne jedes Ding
Und ließ der Mutter keine Ruh:
Warum? Weshalb? Wieso? Wozu?
Schwer war es, Antwort sagen
Auf so viel schwere Fragen:
Du Mama, sag, Mama,
Wozu sind denn die Rosen da?
Sprach Mama:
Eisasa!
Rosen sind zum Brechen da.
Nun trag' ich schon ein langes Kleid
Und bin selbst fürchterlich gescheit
Und darf nicht jeden stellen: Du,
Warum? Weshalb? Wieso? Wozu?
Und hab' doch viel zu fragen.
Was würde sie wohl sagen,
Früg' ich: Du, sag, Mama:
Wozu sind denn wir Mädchen da?
Spräch' Mama:
Eisasa!
Mädchen sind zum Küssen da.
Otto Julius Bierbaum
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