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05 Sep 2026 18:28 #61025 von Kaninchen
Ihr Dach stieß fast bis an die Sterne…

Das Gedicht „Ihr Dach stieß fast bis an die Sterne…“ stammt aus der Feder von Arno Holz.

Ihr Dach stieß fast bis an die Sterne,
vom Hof her stampfte die Fabrik,
es war die richtige Mietskaserne
mit Flur- und Leiermannsmusik!
Im Keller nistete die Ratte,
parterre gabs Branntwein, Grog und Bier,
und bis ins fünfte Stockwerk hatte
das Vorstadtelend sein Quartier.

Dort saß er nachts vor seinem Lichte
– duck nieder, nieder, wilder Hohn! –
und fieberte und schrieb Gedichte,
ein Träumer, ein verlorner Sohn!
Sein Stübchen konnte grade fassen
ein Tischchen und ein schmales Bett;
er war so arm und so verlassen,
wie jener Gott aus Nazareth!

Doch pfiff auch dreist die feile Dirne,
die Welt, ihn aus: Er ist verrückt!
ihm hatte leuchtend auf die Stirne
der Genius seinen Kuß gedrückt.
Und wenn vom halben Wahnsinn trunken
erzitternd Vers an Vers gereiht,
dann schien auf ewig ihm versunken
die Welt und ihre Nüchternheit.

In Fetzen hing ihm seine Bluse,
sein Nachbar lieh ihm trocknes Brot,
er aber stammelte: O Muse!
und wußte nichts von seiner Not.
Er saß nur still vor seinem Lichte,
allnächtlich, wenn der Tag entflohn,
und fieberte und schrieb Gedichte,
ein Träumer, ein verlorner Sohn!

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07 Sep 2026 18:24 - 07 Sep 2026 18:25 #61064 von Feschtbrueder
Herbstsonett

Schon neigt der Wald sein goldnes Haupt zur Erde,
Der Abend haucht sein Purpur über’s Feld;
Ein stiller Friede wandelt durch die Welt,
Als ob sie müde, doch noch schöner werde.

Der Wind verweht, was einst im Lichte stand,
Und trägt die Blätter spielend fort und fort;
Doch tief im Herzen bleibt ein stilles Wort,
Das wie ein Stern durch dunkle Stunden brannt.

O Herbst, du ernster Freund, der uns belehret:
Was blüht, muss welken, was beginnt, vergeht;
Doch wer im Wandel seine Wahrheit ehret,

Der findet Trost, wenn alles andre geht.
Denn wie der Baum sich seiner Blätter entleeret,
Wird auch das Herz durch Abschied reich und weit.

Feschtbrueder

:-) Humor ist, wenn man trotzdem lacht! Lachen ist die beste Medizin!
Letzte Änderung: 07 Sep 2026 18:25 von Feschtbrueder.

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08 Sep 2026 20:15 #61087 von Kaninchen
 

Unterm Baum im grünen Gras

Das Gedicht „Unterm Baum im grünen Gras“ stammt aus der Feder von Emanuel Geibel.

Unterm Baum im grünen Gras
Sitzt ein kleiner Osterhas'!
Putzt den Bart und spitzt das Ohr,
Macht ein Männchen, guckt hervor.
Springt dann fort mit einem Satz
Und ein kleiner frecher Spatz
Schaut jetzt nach, was denn dort sei.
Und was ist's? Ein Osterei!

Auf dem Baum im kahlen Ast
hockt die Amsel und hat Knast.
Sie hat zuerst gesehen den Has'
wie er sass im grünen Gras.
Nun kommt ihr der Spatz zuvor,
klaut das Ei, fliegt durch das Tor,
setzt sich mit dem Ei ins Nest
und brütet es aus fürs Osterfest.

Unterm Baum im grossen Haufen
hört man einen Maulwurf schnaufen:
so ein Mist - verdammte Sauerei -
wo ist jetzt das Osterei?
Das hätt ich gerne in meinen Bau gerollt.
Streckt alle Viere von sich und schmollt,
als es plötzlich von oben macht "Tropf"
und der Hofhund ihm pinkelt auf den Kopf.

Unterm Baum im grünen Gras
schnüffelt jetzt Wölfi einen Has'.
Riecht auch bald das Osterei.
Wem soll er folgen - eins, zwei, drei,
zählt er an seinen Krallen ab
und rennt durch das Gartentor im Trab.
Sieht dort den Spatz in seinem Nest
und bellt bis der Spatz das Osterei fallen lässt.

Im gleichen Moment kommt der Has vorbei
und denkt für sich: das ist doch mein Ei!
Putzt den Bart und spitzt das Ohr,
nimmt das Ei und rennt durch das Tor.
Unter den Baum ins grüne Gras
versteckt das Ei der Osterhas.
Vom Baum herunter macht die Amsel einen Satz
und hat das Osterei gefressen ratzfatz!

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10 Sep 2026 15:01 - 10 Sep 2026 15:03 #61122 von Kaninchen
 Ein Jüngling liebt ein Mädchen
Das Gedicht „Ein Jüngling liebt ein Mädchen“ stammt aus der Feder von Heinrich Heine.

Ein Jüngling liebt ein Mädchen,
Die hat einen Andern erwählt;
Der Andre liebt eine Andre,
Und hat sich mit dieser vermählt.

Das Mädchen heiratet aus Ärger
Den ersten besten Mann,
Der ihr in den Weg gelaufen;
Der Jüngling ist übel dran.

Es ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie immer neu;
Und wem sie just passieret,
Dem bricht das Herz entzwei.
Letzte Änderung: 10 Sep 2026 15:03 von Kaninchen.

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10 Sep 2026 15:06 - 10 Sep 2026 15:22 #61123 von Kaninchen
 

Postkarte von Franz Korwan 

Entstehungsgeschichte

Das Gedicht hat autobiographische Züge.
  • Heine schrieb Freunden, dass er selbst in eine komplizierte Liebessituation verwickelt war – fünf Personen, die sich alle „verliebt am falschen Ort“ befanden.
  • Heine (damals „Harry“) war in seine Cousine Molly (Amalie Friedländer) verliebt, doch sie erwiderte seine Gefühle nicht.
  • Molly wiederum liebte einen anderen Mann, der jedoch eine andere Frau heiratete.
  • Aus Enttäuschung heiratete Molly schließlich einen anderen.
  • Heine blieb der alleinstehende, enttäuschte Jüngling – genau wie im Gedicht.
Es gibt außerdem eine zweite Deutung: Die Literaturhistorikerin Allison Machlis Meyer vermutet, dass das Gedicht sich auf Sara Warburg aus der Hamburger Bankiersfamilie bezieht.
 
Letzte Änderung: 10 Sep 2026 15:22 von Kaninchen.

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10 Sep 2026 17:57 - 10 Sep 2026 19:06 #61136 von Feschtbrueder
Sprichwörter 

Man darf dem Tag
nicht vor dem Abend dankbar sein
und soll das Schicksal nicht für alles loben.
Ein Gutes kommt niemals allein,
und alles Unglück kommt von oben. 

Die Peitsche liegt im Weine.
Die Wahrheit liegt beim Hund.
Morgenstund hat kurze Beine.
Lügen haben Gold im Mund. 

Ein Meister nie alleine bellt.
Vom Himmel fallen keine Hunde.
Dem Glücklichen gehört die Welt.
Dem Mutigen schlägt keine Stunde. 

Fred Endrikat

:-) Humor ist, wenn man trotzdem lacht! Lachen ist die beste Medizin!
Letzte Änderung: 10 Sep 2026 19:06 von Feschtbrueder.

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