Gedichte

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13 Feb 2020 07:42 #26956 von Kaninchen


Frau Schwalbe

Frau Schwalbe ist 'ne Schwätzerin,
Sie schwatzt den ganzen Tag,
Sie plaudert mit der Nachbarin,
So viel sie plaudern mag.
Das zwitschert, - das zwatschert
Den lieben langen Tag!

Sie schwatzt von ihren Eiern viel,
Von ihren Kindern klein,
Und wenn sie Niemand hören will,
Schwatzt sie für sich allein,
Das zwitschert, - das zwatschert
Und kann nicht stille sein!

Hält sie im Herbst Gesellschaft gar
Auf jedem Dache dort, -
So schwatzen die Frau Schwalben all
Erst recht in einem fort;
Das zwitschert, - das zwatschert
Und man versteht kein Wort!

Georg-Christoph Dieffenbach
(1822 - 1901)
deutscher Pfarrer und Dichter



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14 Feb 2020 07:56 - 14 Feb 2020 07:57 #26971 von Kaninchen

Moritz von Schwind "Herr Winter"



Winters Schlaf

Als Winter entschlummert, war eisig der Bach;
noch schläft er, und doch sind die Blumen schon wach,
Noch schläft er, der Alte mit schneeigem Bart,
Und doch ist der Bach schon auf luftiger Fahrt.

Noch schläft er! O Kinder, erwecket ihn nicht,
Mög` nie er erwachen zum rosigen Licht!
Noch schläft er, o decket mit Blumen ihn leis
Laßt schlummern, laßt schlummern den Winter, den Greis!

Franz Alfred Muth
Letzte Änderung: 14 Feb 2020 07:57 von Kaninchen.

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15 Feb 2020 08:04 - 15 Feb 2020 08:14 #26983 von Kaninchen

"Garten vor dem Pfarrwittwenhaus" von Frank Koebsch ...


Ein Wunsch

Ein Häuschen wünscht ich mir, versteckt und klein,
auf dessen Sims sein Lied der Vogel singt,
an dessen reb'umsponnen Fensterkreuz
der letzte Ton der lauten Welt verklingt.

Darin für mich und für die Meinen Raum,
vom Straßenlärm der Städte meilenweit – – –
und einen Garten pflanzt ich um mein Haus,
darinnen Blatt und Blüt und Frucht gedeiht.

Ein Apfelbaum, der goldne Früchte trägt,
ein Laubgezelt am schwülen Sonnentag,
ein Rosenhag, von dessen Duft berauscht,
ich einsam sinnen, träumen, dichten mag!

Und einen Blick in Gottes schöne Welt,
ins ährenreiche wogende Gefild,
das, sanft geschwellt vom Hauch des Abendwinds,
vom goldnen Erntesegen überquillt.

Und so viel von dem Gute dieser Welt
gib mir, o Herr, daß ich dem armen Mann,
der an die Pforte meines Hauses klopft,
ein Stückchen Brot als Imbiß bieten kann!

Clara Müller-Jahnke
1860 - 1905
deutsche Dichterin, Journalistin und Frauenrechtlerin
Letzte Änderung: 15 Feb 2020 08:14 von Kaninchen.

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16 Feb 2020 09:16 #27003 von Kaninchen


Am 16. Februar

Februar, der lose Bursche,
Trägt ein sonnig Angesicht,
Aber Schnee und Sturm und Regen
Rauben ihm das Sonnenlicht.

Kurzer Tage schnelle Freude,
Langer Nächte Dunkelheit,
Kahler Bäume dürre Glieder,
Nackter Berge Winterkleid.

So verkürzet, aller Enden
Um zwei Tage gar gebracht,
Zog der Arme zum Gespötte
Durch die lange Winternacht.

Aber güt'ge Götter haben
Gold dem Leidenden gebracht,
Den Verspotteten, Beschämten
Zum Beneideten gemacht.

Prangend geht der stolze Sommer,
Goldig, blau und grün und schön,
Läßt als stolzesten der Monde
Doch den hohen Juli seh'n.

Juli war der Freiheit wiege,
Juli war der Liebe hold,
Ueber Juli doch ist Julie,
Ueber Silber ist das Gold.

Dieses Namens höchste Zierde
Gab Natur dem Februar,
Stolz entfaltet er das Banner
Seiner Kön'gin licht und klar.

Gab dem Liebenden das Banner
Und der Winter ist entfloh'n,
Und die Liebe hob den armen
Kornung auf den Sommerthron.

Benedikt Waldeck, 1832
Aus der Sammlung Gedichte an Julie







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17 Feb 2020 07:51 #27019 von Kaninchen


Vorfrühling

Weiche Frühlingswinde wehn
Um die Winterwende,
Die mir um die Wangen gehn,
Warm wie Mädchenhände.

Kleine Blumen blau und braun
Blühn schon an den Gassen,
Wie zwei Augen anzuschaun,
Die mich nie verlassen.

Bald, wie bald und heiss erblüht
Auch die Ros' im Hage,
Rot als wie die Liebe glüht
Die ich heimlich trage ...

- Georg Busse-Palma
1876-1915
deutscher Lyriker

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18 Feb 2020 07:49 #27034 von Kaninchen


Wilhelm Busch

Der Sack und die Mäuse

Ein dicker Sack voll Weizen stand
Auf einem Speicher an der Wand. -
Da kam das schlaue Volk der Mäuse
Und pfiff ihn an in dieser Weise:
"Oh, du da in der Ecke,
Großmächtigster der Säcke!
Du bist ja der Gescheitste,
Der dickste und der Breitste!
Respekt und Referenz
Vor eurer Exzellenz!"

Mit innigem Behagen hört
Der Sack, dass man ihn so verehrt.
Ein Mäuslein hat ihm unterdessen
Ganz unbemerkt ein Loch gefressen.
Es rinnt das Korn in leisem Lauf.
Die Mäuse knuspern's emsig auf.
Schon wird er faltig, krumm und matt.
Die Mäuse werden fett und glatt.
Zuletzt, man kennt ihn kaum noch mehr,
Ist er kaputt und hohl und leer.
Erst ziehn sie ihn von seinem Thron;
Ein jedes Mäuslein spricht ihm hohn;
Und jedes, wie es geht, so spricht's:
"Empfehle mich, Herr Habenichts!"

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